36 Arbeit&Wirtschaft 9/2017 O hne Nahrung kein Leben. An Rohstoffbörsen werden Lebens- mittel gehandelt wie jedes andere Gut. Sie sind von Natur aus be- grenzt und risikoanfällig: durch begrenzt verfügbare Ackerflächen, kurze Haltbar- keit, beschränkte Lagerfähigkeit und Na- turkatastrophen. Angesichts von klima- und schädlingsbedingten Ernteausfällen kam Friedrich Wilhelm Raiffeisen im 19. Jahrhundert auf die Idee, eine Ge- nossenschaft zu gründen. Ein ähnliches Motiv steckt hinter dem nahezu frivol er- scheinenden Phänomen, dass Rohstoffe, die Menschen zum Leben brauchen, an der Börse gehandelt werden, auch wenn dies in der Realität nicht wie in einem Geschäft vonstattengeht. Vielmehr steckt dahinter ein komplexes System. Kein physisches Kaufinteresse Die ursprüngliche Idee ging ebenso von einem Ausgleichsgeschäft aus. Waren- terminbörsen sollten Risiken und Preis- verfall absichern. Was den Zustrom des Finanzkapitals in diese Warentermin- märkte so gefährlich macht, ist, dass es kein physisches Kaufinteresse gibt. Die kurzfristige Spekulation auf steigende Preise dient ausschließlich dem Ziel, Gewinne zu machen, und sorgt so für Preisverzerrungen. Zusätzlich verstärkt wird dies durch den algorithmischen Handel, der automatisiert über Compu- ter abläuft. Seit der Jahrtausendwende wurden traditionelle Spekulationsbeschränkun- gen auf Rohstoffmärkten kontinuierlich abgebaut, die Märkte wurden für Deri- vat-basierte Spekulation geöffnet. „Bis Ende der 1990er-Jahre sicher- ten Futures zum größten Teil noch ma- terielle Warenverträge ab, heute liegt der Anteil bei der Hälfte oder darun- ter“, beschreibt Bernhard Tröster, Volks- wirt bei der Österreichischen Forschungs- stiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), die veränderte Situation. „Die Öffnung bewirkte eine drastische Erhö- hung des Volumens spekulativ einge- setzten Kapitals. Aus mehreren Grün- den: Das Platzen der Dotcom-Internet- blase reduzierte die Gewinnaussichten bei Aktienmärkten, das Zinsniveau war niedrig und der wirtschaftliche Aufstieg Chinas, getrieben von großem Rohstoff- hunger, machte diese Märkte besonders attraktiv“. Illustriert am Beispiel von Weizen-Futures der Börse in Chicago: Diese verfünffachten ihr Handelsvolu- men im Zeitraum von 1998 bis heute. Im Gegenzug sank der Anteil kom- merzieller Agrarhändler von 50 bis 60 auf 30 Prozent. Von dieser Machtver- schiebung profitieren Finanzinvestoren, aber auch internationale Agrarhändler und multinationale Nahrungsmittel- konzerne. Insiderwissen Die größten Händler von Agrarrohstof- fen heißen ADM Bunge & Cargill und Dreyfus, zusammengefasst und abgekürzt als „ABCD“. Laut „Konzernatlas 2017“ verfügen sie insgesamt über einen Welt- marktanteil von 70 Prozent. Sie handeln aber nicht nur mit Agrarstoffen, sondern transportieren und verarbeiten Lebens- mittel weiter, besitzen Silos, Ölraffinerien und Hochseeschiffe. Diese Position bringt einen Informationsvorsprung über Ernten, Preise, Wetterlagen und politi- sche Entwicklungen in allen Teilen der Welt. Aufgrund ihres Insiderwissens ver- fügen sie über eine starke Verhandlungs- position in Preisverhandlungen. Noch nützlicher ist es für die Tätigkeit als Fi- nanzinstitut. Als Investmentgesellschaf- ten verwalten sie Hunderte agrarbasierte Fonds und verfügen so über ein milliar- denschweres Investitionskapital. Je nach Marktlage und Geschäftsinteresse wird eine Ernte eingelagert oder verkauft, des- halb spricht man von „Zweiter Ernte“. Preistreiber Spekulation Seit über zehn Jahren wird die Frage kon- troversiell diskutiert, ob Spekulation Ge- treide teuer macht. Auf der einen Seite stehen entwicklungs- und globalisie- rungskritische NGOs und die internati- onale Gewerkschaftsbewegung, auf der anderen Seite wirtschaftsliberale Think- tanks und Banken (in Europa mit der Deutschen Bank in führender Rolle), da- zwischen steht die Wissenschaft. Im Landwirtschaftsbericht der Welternäh- rungsorganisation aus dem Jahr 2011 stellte ein Großteil der ForscherInnen fest, dass ein hohes Maß an Spekulation an den Terminmärkten die Preise erhö- hen kann. Unbestritten ist, dass seit 2006 die Preisschwankungen (Volatilität) bei Le- bensmitteln außergewöhnlich hoch sind. Uneinig ist man, ob und in wel- chem Ausmaß Spekulation überhaupt Beatrix Beneder Freie Journalistin Geld kann man nicht essen Der InvestorInnen-Appetit auf Rendite und die Marktlogik des globalen Ernährungssystems lassen Menschen in armen Ländern hungern.