7Arbeit&Wirtschaft 6/2017 COVERSTORY Beinahe überall in Europa wird Sozialpolitik betrieben, selten ist sie so effektiv wie in Österreich. Vorbild bleibt das nordische Modell, wo es Rechtsansprüche auf bestimmte Sozialleistungen gibt und mehr Professionalisierung. Text: Christian Resei und Sophia Fielhauer-Resei | Fotos: Michael Mazohl Was der Sozialstaat alles kann E in Sozialstaat sollte gegen Armut kämpfen, Chancengleichheit im Bildungssystem ermöglichen und eine qualitativ hochwertige Ge­ sundheitsversorgung bieten. So weit der Anspruch. Doch wie sieht es in der Rea­ lität aus? Die deutsche Bertelsmann Stif­ tung beurteilt regelmäßig das Niveau so­ zialer Inklusion in den (noch) 28 EU­ Ländern. Im aktuellen „Index Soziale Gerechtigkeit“ schafft es Österreich auf Platz 6 – damit zählt es zu den sozial ge­ rechtesten Ländern in Europa. Der Sozi­ albericht 2015/2016 des Sozialministeri­ ums führt an, dass rund 30 Prozent der jährlichen wirtschaftlichen Wertschöp­ fung (Bruttoinlandsprodukt) für soziale und gesundheitsbezogene Leistungen aufgewendet wurden. Mit dieser soge­ nannten Sozialquote liegt Österreich im oberen Drittel der EU­Länder und gehört zu den am besten entwickelten Sozial­ staaten. Dennoch gilt es, einige Heraus­ forderungen zu bewältigen und Lücken zu schließen, um dieses Top­Niveau bei­ behalten zu können. Wem der Sozialstaat nutzt Wie gut der Sozialstaat wirkt, lässt sich unter anderem daran ablesen, ob er in der Lage ist, die sozial Schwächsten zu un­ terstützen. Allerdings ist dies in jenem Wohlfahrtsstaatssystem, in das sich Ös­ terreich einreiht, lediglich die Mini­ malanforderung, ein weiteres Thema ist die Umverteilung. „Die Einkommensun­ terschiede am Arbeitsplatz sind in den letzten Jahren weiter angestiegen“, weiß Christine Mayrhuber, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wirtschaftsforschungs­ instituts (WIFO). „Der Sozialstaat setzt sich die Aufgabe, diese Ungleichheit zu mindern. Er wird in der Ökonomie über Verteilungsgerechtigkeit und über ein umfassendes Leistungsangebot etwa bei der Betreuung, Bildung, Gesundheit etc. definiert.“ Mayrhuber ist eine der Auto­ rInnen der WIFO­Studie „Umverteilung durch den Staat in Österreich“, erschie­ nen im Mai 2016. Dabei zeigte sich: Bei den monetären Transfers profitiert das unterste Drittel am meisten – und zwar mit etwa 60 Prozent. Mit 25 Prozent ge­ winnt das mittlere Drittel und mit knapp 16 Prozent das oberste Drittel. Damit wird allerdings nur ein Aspekt des Sozi­ alstaats berücksichtigt. Ein mindestens ebenso wichtiger Aspekt sind die soge­ nannten realen Transfers, zu denen etwa Kindergarten oder Leistungen des Ge­ sundheitssystems zählen. Werden diese in die Betrachtung miteinbezogen, so zeigt sich ein anderes Bild: 37 Prozent fließen ins untere Drittel, 34 Prozent ins mittlere und 29 Prozent in das obere