8 Arbeit&Wirtschaft 6/2017 Drittel. Kurz gesagt: Sozialstaatlichkeit kommt beinahe allen in gleichem Maße zugute. Im Bericht wurde auch untersucht, wie sehr der Sozialstaat für einen Aus­ gleich sorgt – und er leistet in Österreich sehr viel. „Wenn man sich die Marktein­ kommen anschaut, so haben die reichs­ ten 10 Prozent ein 32­mal so hohes Ein­ kommen wie die ärmsten 10 Prozent“, erklärt Marc Pointecker, der die Abtei­ lung „Sozialpolitische Grundlagenar­ beit“ im Sozialministerium leitet. „Nach Eingreifen des Staates, etwa durch Ar­ beitslosengeld, Notstandshilfe oder Pen­ sionen, liegt das Verhältnis nur mehr bei 1:6.“ Zwar sei die Einkommensun­ gleichheit in Österreich hoch, doch im europäischen Vergleich stehe Österreich noch relativ gut da. Gravierend und auf­ fällig hingegen sei der Unterschied bei den Vermögen. Österreich ist hier in ei­ ner problematischen Spitzenposition: Der Europäischen Zentralbank (EZB) zufolge findet sich die höchste Vermö­ genskonzentration innerhalb der EU ausgerechnet in Österreich. Damit be­ sitzt das reichste Prozent in Österreich etwa ein Drittel des Vermögens. Umge­ kehrt betrachtet, verhält sich die Schief­ lage wie folgt: Gemeinsam verfügen die unteren 80 Prozent über so viel Besitz wie das reichste Prozent. „Das hängt wahrscheinlich auch mit der geringen Vermögenssteuer zusammen“, vermutet Pointecker. Die Folge: Nicht nur die Fi­ nanzierung des Sozialstaats basiert in erster Linie auf Arbeitseinkommen. S soll nicht nur fürs Sparen stehen „Sozialschutz in schwierigen Lebensla­ gen, Stabilisierungsfunktion in Krisen­ zeiten und Sozialinvestitionen: Das sind die drei Aufgaben, die jeder Sozialstaat erfüllen muss“, erklärt Adi Buxbaum die drei wichtigen „S“ im Sozialstaat. Der Volkswirt ist in der Abteilung Sozialpo­ litik der Arbeiterkammer Wien tätig. So­ zialschutz gewährleistet vor allem Hilfe im Krankheitsfall und Alter, bei Arbeits­ losigkeit und Invalidität oder unterstützt bei der Gründung einer Familie. In wirt­ schaftlich schwierigen Zeiten stabilisiert der Sozialstaat mittels Konjunktur­ und Arbeitsmarktpaketen, kürzt keine Leis­ tungen, um den privaten Konsum auf­ rechtzuerhalten, und investiert zur Er­ leichterung des Wiederaufschwungs. In Kindergärten und Schulen stecken die sogenannten Sozialinvestitionen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Soziale Effekte wirken nachhaltig „Oft werden nur die Kosten der Sozial­ politik betrachtet, doch das ist eine sehr einseitige Sicht der Dinge“, hält Bux­ baum fest. „Die sozialen Effekte sind zwar oft ökonomisch schwer zu bewerten, aber sie sind augenscheinlich.“ Zu behaupten, es werde z. B. in die Kinderbetreuung in­ vestiert, und das habe keinen Nutzen für die Wirtschaft, sei falsch. Buxbaum hat mit AK­KollegInnen den Nutzen von Investitionen in verschiedene soziale Dienstleistungen berechnet – „eine Kos­ ten­Nutzen­Rechnung, die bisher nicht im Diskurs vorhanden war“, wie der Ex­ perte betont. Das Ergebnis: Aufwendun­ gen für die Kinderbetreuung rentieren sich schon nach vier Jahren, und zwar unabhängig von der Wirtschaftsentwick­ lung. Warum das so ist, ist leicht erklärt: Mütter bzw. Eltern können ihr Arbeits­ stundenvolumen erhöhen oder den Wie­ dereinstieg in den Arbeitsmarkt früher wagen. Zudem werden in den Betreu­ ungseinrichtungen Arbeitsplätze geschaf­ fen. Alles in allem also erhält der Staat Mehreinnahmen, die unter anderem in die Finanzierung dieser Investitionen flie­ ßen können. Diese Kosten­Nutzen­Darstellung habe ebenso geholfen, die Investitionen auch bei angespannten Budgets zu rechtfertigen und die Folgen der Wirt­ schaftskrise zu bewältigen, so Buxbaum: „In der Krise haben die meisten Länder nur gespart. Österreich hat beides ge­ macht: gespart und Offensivmaßnah­ men gesetzt. Die Kinderbetreuung und Ganztagsschulen wurden ausgebaut, zu­ sätzlich wurde in den Pflegefonds inves­ tiert. Dadurch sind wir besser als andere durch die Krise gekommen.“ Marc Pointecker vom Sozialministe­ rium gibt zu bedenken, welch langfristi­ gen Gewinn Investitionen in die Kinder­ betreuung bringen: „Die Gesellschaft profitiert von Maßnahmen des Sozial­ staats. Untersuchungen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind in der Schule Probleme bekommt, deutlich hö­ her ist, wenn es nicht in den Kinder­ garten gegangen ist. Je länger Kinder den Kindergarten besuchen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie gute SchülerInnen werden.“ Fazit: „Qualita­ tiv hochwertige Kinderbetreuung ist et­ was, das stark vorbeugend wirkt.“ Denn immer noch wird Bildung in Österreich vererbt. Und gerade bei bildungsfernen Schichten – insbesondere bei Migran­ tInnen – wirkt der Kindergarten am stärksten. Hier in Betreuung zu inves­ tieren hat also einen enormen Effekt. Kosten in Konkurrenz Allerdings rechnet sich nicht jede sinn­ volle Investition unmittelbar. Dazu kommt der Irrglaube, dass Nicht­Han­ deln günstiger wäre. Mit reinen Kosten­ argumenten werden etwa die Rehabilita­ tionsmaßnahmen für 55­jährige, gesund­ heitlich eingeschränkte Arbeitslose verhindert oder die Etablierung eines zweiten oder dritten Arbeitsmarkts infra­ ge gestellt. Dies ist ein äußerst problema­ tischer Zugang, denn wenn die Bedürf­ nisse dieser Menschen ignoriert werden, würde das auf Dauer gesehen nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Gesell­ schaft viel härter treffen. „Langfristig sind die Kosten des Nicht­Handelns teurer“, mahnt AK­Experte Buxbaum. Dazu kommt, dass Kosten für den Sozialschutz (etwa das Arbeitslosengeld) und Sozialinvestitionen (etwa Qualifi­ zierungsmaßnahmen) zu schnell und zu leichtfertig gegeneinander ausgespielt werden. „Dabei können sich diese Maß­ nahmen nur komplementär ergänzen“, merkt Buxbaum an. Denn abseits der Wirtschaftlichkeit sind auch sozialer Friede oder die Planbarkeit des Lebens hohe Werte, die eine Gesellschaft aus­ zeichnen. Im österreichischen Wohlfahrtsstaat ist der Sozialstaat dem Arbeitsmarkt nachgeordnet. Dies bringt weitere Her­ ausforderungen mit sich. „Wenn sich das Erwerbsleben grundlegend wandelt, dann kann auch der Sozialstaat seine ur­ sprüngliche Funktion nicht mehr erfül­ len“, weiß Christine Mayrhuber vom WIFO. Dies zeigt sich am deutlichsten am Beispiel der Pensionen. Derzeit gilt: Wer 45 Versicherungsjahre hat, be­ kommt 80 Prozent des durchschnittli­