12 Arbeit&Wirtschaft 6/2017 D ie Kleinen züchten Urzeitkrebse, lernen, wie man Hühner aufzieht, oder besuchen das Freibad. Die Eltern können in den Ferien ar­ beiten, ohne extra Betreuung aufzustel­ len. Kinderkrippen und Horte: Pro Jahr betreut das Eltern­Kind­Zentrum (Ekiz) Söllandl rund 200 Kinder und Jugendli­ che in den Tiroler Gemeinden Ellmau, Going, Söll und Scheffau. Die Kooperation der Gemeinden entstand aus einem Engpass. „1994 habe ich nach der Geburt meiner Toch­ ter als Tagesmutter gearbeitet und war relativ alleine. In der Region gab es kaum Kinderbetreuung“, blickt Ge­ schäftsführerin Alexandra Sollerer zu­ rück. Zusammen mit anderen Eltern und Unternehmern gründete sie das Ekiz. Dort sind heute 34 Pädagoginnen beschäftigt. Die Kinderbetreuung ist ganztägig und ganzjährig. Das hatte po­ sitive Effekte: In Scheffau siedelten sich junge Familien an, es entstanden neue, nachhaltige Jobs in der ganzen Region. Zukunftsinvestition In sozialen Berufen wie Kinderbetreuung und Pflege arbeiten überwiegend Frauen. Investitionen in diese Branchen schaffen und ermöglichen neue Jobs, auch abseits der Betreuung. Zurzeit übernehmen vie­ le Frauen Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen selbst – und somit un­ bezahlt. „Es gilt, unbezahlte in bezahlte Arbeit umzuwandeln“, erklärt AK­Exper­ tin Ingrid Moritz. „Ein besseres Betreu­ ungsangebot entlastet Frauen, die so selbst Karriere machen können.“ Dazu kommt: Die Berufstätigkeit sichert die Pension. Um das Angebot an Kinderbetreu­ ung und Pflege zu verbessern, muss in Infrastruktur und qualifiziertes Personal investiert werden – für die Arbeiterkam­ mer ein Erfolgsrezept: Würde der Bund 100 Millionen Euro über vier Jahre in­ vestieren, könnten in der Kinderbetreu­ ung bis zu 14.000 neue Jobs geschaffen werden und bis zu 28.000 Mütter einer Arbeit nachgehen. 2.300 Jobs entstün­ den in anderen Branchen, so eine AK­ Studie. Einkommensteuer und Abgaben fließen an den Staat, Ausgaben für Ar­ beitslosenhilfe und Mindestsicherung wiederum sinken. „Es ergeben sich Mehreinnahmen zu den laufenden Kos­ ten“, erläutert Moritz. Qualität Je mehr Aufgaben von Haushalten in den öffentlichen Sektor wandern, desto mehr Jobs entstehen für Menschen mit unter­ schiedlichem Anforderungsprofil: So sind für einen funktionierenden Kinder­ garten Pädagoginnen, Assistentinnen, Reinigungskräfte, Hausmeister oder Kü­ chenpersonal notwendig. Investitionen in soziale Jobs sorgen für ein besseres Leistungsangebot. So fordert Margit Pollak von der Gewerkschaft für Gemein­ debedienstete einen Ausbau an Betreu­ ungsplätzen für unter Dreijährige. „Es geht nicht, dass man Kleinkindergruppen mit 25 Kindern hat, das Gesetz schreibt 15 vor.“ Sie betont, dass ein Ausbau oh­ ne entsprechende Qualifizierung des Per­ sonals unmöglich sei. Dem stimmt So­ phie Schallamon zu. Sie arbeitet als Kin­ dergartenpädagogin im 15. Wiener Gemeindebezirk. „Ich arbeite gerne mit Kindern und schätze es, dass ich den Ta­ gesablauf selbst gestalten und entscheiden kann, was für die Kleinen wichtig ist.“ Um besser auf ihre Schützlinge ein­ gehen zu können, wünscht sie sich klei­ nere Gruppen. „Wir haben zwar Assis­ tentinnen, bei 25 Kindern kann man aber nicht auf jedes gleichermaßen ein­ gehen. Mit mehr Personal könnte man sich das besser einteilen.“ Sie wünscht sich zudem mehr Fortbildungsangebote. Teilzeit/Vollzeit In Österreich ist die Kinderbetreuung sehr unterschiedlich. In Wien sind Kin­ dergärten – abgesehen von einem Beitrag für das Mittagessen – beitragsfrei. Bei den unter Dreijährigen können 71 Prozent der Kinder mit einem Betreuungsplatz versorgt werden, bei den Drei­ bis Sechs­ jährigen liegt die Zahl der vorhandenen Plätze sogar bei über 100 Prozent. Die Öffnungszeiten sind so gestaltet, dass Mütter auch Vollzeit arbeiten kön­ nen. Davon kann man in einigen Ge­ meinden nur träumen. Die Teilzeit quote in Österreich liegt laut Statistik Austria bei 28,7 Prozent, Tendenz steigend. Tra­ ditionell arbeiten viele Frauen in Teil­ zeit. „Der Ausbau an sozialen Jobs mit entsprechenden Öffnungszeiten führt zu mehr Vollzeitjobs“, so Gudrun Biffl. Sie leitet das Department Migration und Globalisierung an der Donauuni­ versität Krems. Alleinverdienerabsetz­ betrag, Kindergeld, Familienbeihilfe: Sandra Knopp und Udo Seelhofer Freie JournalistInnen Der soziale Mehrwert Die soziale Infrastruktur ist ein wichtiger Teil des Sozialstaats. Der Ausbau von Kinderbetreuung und Pflege kann zum Jobmotor werden.