30 Arbeit&Wirtschaft 6/2017 Altes Erbe, neue Tristesse: Das Graf- fito am Zentralplatz von Larisa, der Plateia Kentriki, entstand erst im Frühjahr dieses Jahres. Es zeigt den Kopf eines jungen Athleten aus dem 4. Jahrhundert v. Ch., dessen Büste bei einer Ausgrabung in der Umgebung ge- funden worden war. Papadopoulos hat wie die anderen im Umland von Larisa seine Felder von Zuckerrüben auf Getreide und Baum­ wolle umgestellt, aber die riesige Zu­ ckerfabrik draußen vor der Stadt geht ihm nicht aus dem Kopf. „Wir bemü­ hen uns jetzt um die Wiedereröffnung. Wir schaffen das“, sagt er. Die Leute von Syriza sind die einzigen, die daran glauben. 7,5 Cent ist eine Aktie der völlig verschulde­ ten Hellenischen Zuckerindustrie in diesen Wochen an der Athener Börse wert. Griechenland kauft seinen Zucker nun anderswo aus Europa. Absurd, aber so ist der Markt. Unter der Armutsgrenze Dennoch ist es vor allem die Landwirt­ schaft, die Larisa heute rettet. „Elend? Nein, das gibt es hier nicht“, sagt Papa­ dopoulos, auch wenn die Armut in La­ risa selbst weiter verbreitet ist als auf den Dörfern im Umland. Doch es gibt Städte in Griechenland, die noch sehr viel schlimmer dran sind. Alexandrou­ poli weit im Nordosten an der Grenze zur Türkei etwa, oder Argos, ein Städt­ chen im Süden, auf dem Peloponnes, das wie Larisa nicht direkt am Meer liegt und deshalb kaum TouristInnen sieht. Ganze Straßenzüge scheinen dort tot. Sparpolitik in der Rezession hat sei­ nen Preis. Eineinhalb Millionen Grie­ chInnen leben derzeit unter der Ar­ mutsgrenze von 4.500 Euro Ein­ kommen im Jahr. Rund ein Drittel – 35,6 Prozent – sind unmittelbar von Armut bedroht. Aber auch die Armuts­ grenze ist ein relativer Wert. In Grie­ chenland ist sie im Lauf der Krisenjah­ re nach unten hin korrigiert worden – eben in dem Maße, wie auch die Wirtschaftsleistung des Landes sank, nach der die Grenze zwischen arm und nicht arm berechnet wird. Larisa mit seinen 200.000 Ein­ wohnerInnen – die eingegliederten Dörfer im Umkreis eingerechnet – krebst an dieser Armutsgrenze entlang. Knapp 60.000 sind in der Region Thessalien arbeitslos gemeldet, bei 22 Prozent liegt die Rate so wie im natio­ nalen Durchschnitt. Es geht nicht ab­ wärts, aber auch nicht wirklich auf­ wärts. „Ich sehe keine Perspektive“, sagt Morris Magrizou, der Präsident der jüdischen Gemeinde. Es ist eine Klage, die man oft hört in der Stadt. Achilles soll hier im Übrigen geboren worden sein. An übermenschliche Heldentaten glaubt in Larisa allerdings niemand mehr. Im Griff der Rezession Magrizous Gemeinde macht die Spar­ und Steuerpolitik der wechselnden Re­ gierungen in Athen mit wie der Rest der griechischen Gesellschaft. Von nahezu steuerfrei wurden religiöse Gemein­ schaften auf 40 Prozent gesetzt. Es gab eine neue Steuer auf Grund und Immo­ bilien, gleichzeitig sanken die Mietein­ nahmen. Kaum einer kann sich die Mieten von früher leisten. Die Rezes­ sion hat alle im Griff. Am Ende muss die jüdische Gemeinde in Larisa mit 70 Prozent weniger Geld für ihre Mit­ glieder auskommen. Dabei ist sie die älteste und wichtigste im Land neben „Wir bemühen uns um die Wiedereröffnung der Zuckerfabrik. Wir schaffen das.“ Nikos Papadopoulos, Abgeordneter