31Arbeit&Wirtschaft 6/2017 jenen in Athen und Thessaloniki. Von 1.200 Bürgern jüdischen Glaubens ist sie nach dem Einmarsch der Deutschen und dem Holocaust im Zweiten Weltkrieg auf heute 200 Familien geschrumpft. Magrizou und seine Kollegen im Vorstand haben begonnen, erste Immo­ bilien zu verkaufen, um das Gemeinde­ leben am Laufen zu halten. Von der po­ litischen Radikalisierung in Griechen­ land, dem Aufstieg der Nazi­Partei Gol­ dene Morgenröte in den Jahren der Wirtschaftskrise, hat die jüdische Ge­ meinde in Larisa gleichwohl wenig zu spüren bekommen. „Wir sind hier alle bekannt und sehr assimiliert“, sagt Mag­ rizou. Und zumindest in Larisa ist die Goldene Morgenröte nicht wichtig. Linker Zahnarzt als Bürgermeister Seit Jahrzehnten wird die Stadt einmal links, einmal rechts regiert. Die Kommu­ nisten verloren sie in den 1990er­Jahren an einen Konservativen der Nea Dimo­ kratia. 2014 kam dann Apostolos Kalo­ giannis, ein Zahnarzt und Altlinker. Der Landwirtschaft, aber wohl auch dieser Balance von Rechts und Links wegen ist das Kooperativ­Modell so wichtig in der Stadt geworden. Es hat Larisa in all den Krisenjahren über Wasser gehalten. Die Idee für einen städtischen Gemü­ segarten ist zum Beispiel 2012, noch während der Amtszeit des konservativen Bürgermeisters Konstantinos Tsanakou­ lis entstanden – und am Tiefpunkt der Finanzkrise im Land. Mittellose Familien und PensionistInnen, von denen viele nach einem Dutzend Kür­ zungen ihrer Bezüge verarmten, erhalten von der Stadt ein kleines Stück Garten, um Obst und Ge­ müse für den eigenen Bedarf anzubauen. Ein Zehntel der Ernte geben sie ab, es kommt in die Sozialläden für Bedürftige in Larisa. 500 Familien sind mittlerweile bei diesen Läden angemeldet. Als die Stadt 2013 mit den Sozial läden begann, waren es 200 Familien im Monat. Für die GriechInnen, die aus Stolz und Scham ihre Armut, so weit es nur geht, verheimlichen, sind das große Zahlen. Ioannis Diamadoulis, der Leiter des Gartenamts in Larisa, will auch lieber über Solidarität sprechen und darüber, dass sich die neuen GemüsegärtnerIn­ nen morgens und abends bei ihrer Arbeit treffen und miteinander reden, was in solchen Zeiten doch erst recht wichtig sei. Alle zwei Jahre werden die knapp 300 Flächen am Südrand der Stadt neu verteilt. 50 Quadratmeter bekommt jede Familie. Es ist genug für Tomaten, Melan zani und Gurken. Die eine große Kooperative in der Stadt hat die Wirt­ schaftskrise aller­ dings weggespült. 557 MitarbeiterInnen hatte der „Supermarkt Larisa“ am Ende. Er war im Jahr 1986 aus dem Zusam­ menschluss einiger kleiner Lebensmittel­ läden in der Umgebung entstanden, wuchs über die Jahre – und musste 2015 doch Konkurs anmelden: Der Umsatz war in dem Maß gesunken, wie auch die Kaufkraft der KundInnen der Rezession und Arbeitslosigkeit wegen verloren ging. So argumentierte die linksgeführte Regierung in Athen und reichte bei der EU­Kommission in Brüssel einen An­ trag auf Entschädigung ein. In Larisa selbst spricht man eher von Missma­ 50 Quadratmeter zum Selbstanbau: Die Stadt unterhält seit der Krise einen Gemüsegarten und vergibt Parzellen an mittellose Familien. Ein Zehntel ihrer Ernte liefern die GärtnerInnen an die Sozial läden in Larisa ab. „Genauso wichtig wie das Gärtnern ist, dass die Leute sich hier treffen und reden.“ Ioannis Diamadoulis, Gartenamt Larisa