15Arbeit&Wirtschaft 2/2018 werden keine Sozialabgaben bezahlt. Auf Dauer ist das problematisch. „In der aktiven Arbeitsphase leben viele Men­ schen knapp oberhalb des Existenzmini­ mums und können mehr schlecht als recht überleben“, sagt Woditschka. Doch spätestens in der Pension ist es ein Leben unterhalb der Armutsschwelle. Kalkulierter Zugang zur Arbeit In Österreich kann der Sozialstaat noch ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit bieten. Die Differenz zwischen den Leis­ tungen für Arbeitslose und dem Arbeits­ einkommen ist dann in manchen Fällen gering. „Zwar gilt: Wer alleine lebt und Vollzeit arbeitet, der verdient mit dem Mindestlohn mehr als in der Arbeitslo­ sigkeit oder in der Mindestsicherung“, erklärt Thomas Leoni, wissenschaftlicher Mitarbeiter im WIFO (Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung). Bei Menschen aber, die Anspruch auf Kin­ derzuschläge haben und nur Teilzeit ar­ beiten können, verschwinden die Unter­ schiede nahezu komplett. „Inaktivitäts­ falle“ nennen das ExpertInnen. Ähnlich verhält es sich bei ArbeitnehmerInnen, die nicht unter einen Kollektivvertrag fallen, und bei Menschen, die nicht kon­ tinuierlich oder im größeren Ausmaß be­ schäftigt sind. Ursula Woditschka wird mit diesem Dilemma auch in ihrer Praxis konfron­ tiert: „Wenn sich eine Alleinerziehende von ihrem Arbeitslohn nicht einmal et­ was leisten kann, etwa einen Urlaub oder am Wochenende eine Kinderbe­ treuung, dann kommt es vor, dass sie zu rechnen beginnt.“ Viele überlegen dann, wie viele Stunden sie arbeiten müssen, um Unterstützungen nicht zu verlieren. Nicht alle Berufssparten sind gleich stark betroffen. Eine Konzentra­ tion gibt es im Dienstleistungssektor unter VerkäuferInnen, Bürokräften, Fri­ seurInnen, HilfsarbeiterInnen und Mit­ arbeiterInnen im Fitnesscenter. Beson­ ders Frauen, MigrantInnen und Men­ schen, die über keine höhere Ausbil­ dung verfügen, sind betroffen. Über 35 Prozent der ArbeitnehmerInnen mit le­ diglich Pflichtschulabschluss arbeiten für einen Niedriglohn. Unter Teilzeitbe­ schäftigten beträgt der Anteil der Nied­ riglöhnerInnen 27,5 Prozent. Bei Voll­ zeitbeschäftigten sind es weniger als zehn Prozent. Warum so wenig bezahlt wird, er­ klärt Thomas Leoni: „Haushaltsnahe Leistungen werden gesellschaftlich nicht besonders wertgeschätzt, denn das wird ja daheim ohnehin gemacht. Das gilt auch bei der Betreuung von Kindern oder bei der Altenpflege.“ Ähnliches trifft auch im Reinigungsge­ werbe oder auch bei den FriseurInnen zu. Obwohl es in manchen Sonntagsre­ den anders ausgedrückt wird, legt die Gesellschaft relativ wenig Wert auf die gerechte Entlohnung dieser Dienste. Dazu kommt, dass viele der betroffe­ nen Branchen gewerkschaftlich schwer zu organisieren sind. „Die Betriebe sind in der Regel sehr klein“, erklärt Wo­ ditschka. „Im Dienstleistungsbereich arbeiten oft nicht mehr als fünf Perso­ nen in einer Filiale. Betriebe mit 20 oder mehr MitarbeiterInnen sind leich­ ter zu betreuen.“ Schlecht erreichbar Nachdem jene ArbeitnehmerInnen oft direkt „am Menschen“ arbeiten und die Dienstleistungen oft in kleinen Betrie­ ben erbracht werden, sind die Mitarbei­ terInnen während der Geschäftszeit kaum erreichbar. Sie können nicht ein­ fach unterbrechen und ein Gespräch führen, das nichts mit den KundInnen zu tun hat. „In vielen anderen Branchen ist das etwas leichter. Dort können wir schon mit einem Besuch mehr Men­ schen erreichen“, erklärt Woditschka. Es ist tendenziell schwieriger ge­ worden, Gewerkschaftsmitglieder zu werben. Die Errungenschaften der Ar­ beiterInnenbewegung sind im Laufe der Jahrzehnte zur Selbstverständlich­ keit geworden. Junge Menschen wissen oft gar nicht mehr, wie sich die 40­Stunden­Woche entwickelt hat, wie Urlaubs­ oder Weihnachtsgeld zustan­ de kamen oder weshalb es heute fünf bis sechs Wochen Urlaub gibt. „Jeder weiß, dass er das Recht darauf hat, aber wie diese Rechte seinerzeit von Men­ schen erstritten wurden, das weiß heu­ te keiner mehr“, erklärt Ursula Wo­ ditschka. Auch bei den Kollektivvertragsver­ handlungen gelten andere Rahmenbe­ dingungen als in den klassischen ge­ werkschaftlich organisierten Bereichen. Bei den Metallern können sich die Ver­ handlungspartner an Umsätzen, an tat­ sächlichen Verkäufen, künftigen Ge­ schäften, Bestellungen oder an Expor­ ten orientieren. Konjunkturprognosen lassen sich hier leichter erstellen. Das ist im Dienstleistungsbereich schwieri­ ger. Es gibt viel weniger verfügbare Da­ ten. „Besonders bei den FriseurInnen gibt es sehr wenige Wirtschaftszahlen“, weiß Woditschka. Denn die meisten Unternehmen sind Kleinstbetriebe, die ihre Geschäfte nicht offenlegen. „Da­ her ist nicht bekannt, wie viel Geld diese Branche umsetzt und an Gewin­ nen lukriert.“ Auch ist der Produktivi­ tätsfortschritt in Branchen, die beson­ ders Technologie und Maschinen ein­ setzen, höher als bei den personenbezo­ genen Dienstleistungen. „Wir orientieren uns bei den Ver­ handlungen an der Inflationsrate. Da wird ein Anteil aufgeschlagen, um die Kaufkraft zu stärken“, sagt Ursula Wo­ ditschka. „Es wird dann nicht wie auf einem Bazar gefeilscht, sondern es geht darum, realistische Preise umzusetzen. Wir wollen höher als die Inflationsrate abschließen, damit den Menschen et­ was im Börserl bleibt.“ Der Unter­ schied zwischen Leistungen für Ar­ beitslose und Arbeitseinkommen sollte größer werden. Aber dies sollte nicht durch Kürzungen des Arbeitslosengel­ des, sondern durch die Erhöhung der Löhne und Gehälter erfolgen. Öffentliche Hand als Vorbild Hier könnte die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen. Denn viele Menschen, die wenig verdienen, arbeiten in der Alten­ oder Kinderbetreuung oder im Pflegesystem. Hier werden die Lohn­ erhöhungen direkt oder indirekt mit der öffentlichen Hand verhandelt. „Es wäre ein richtiges Signal, wenn diese Einkom­ men adäquat angehoben werden“, sagt Thomas Leoni. Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor resei@gmx.de oder die Redaktion aw@oegb.at