19Arbeit&Wirtschaft 2/2018 INTERVIEW Arbeit&Wirtschaft: An sich sind die Konjunkturaussichten positiv. Gute Aussichten auch für den Arbeitsmarkt? Judith Pühringer: Die Konjunktur zieht an, bei den Arbeitslosenzahlen gibt es ei­ nen sehr großen Rückgang. Das ist an sich sehr erfreulich. Aber es ist ein Trug­ schluss, dass es für alle besser wird. Für viele Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind und die jetzt schon am Arbeitsmarkt ausgegrenzt werden, wird es deshalb nicht einfacher. Gerade die Arbeitslosigkeit von Älte­ ren sinkt nur in ganz minimalem Aus­ maß, sie stagniert eher. Es wird immer­ hin nicht noch schlimmer, aber wir ha­ ben nach wie vor ein erschreckend ho­ hes Niveau an Menschen, die über 50 Jahre alt sind und in Wirklichkeit über­ haupt keine Chance mehr haben, in den Arbeitsmarkt integriert zu werden, wenn sie langzeitarbeitslos sind. Gibt es überhaupt genügend Jobs, so­ dass alle arbeiten könnten, die derzeit arbeitslos sind? Das ist die grundsätzliche Frage: Woran liegt es, dass Menschen keinen Job fin­ den? Sind sie selber schuld oder ist es ein strukturelles Problem? Die Antwort ist: Es ist ein strukturelles Problem. Es gibt Jobs einfach nicht mehr in dem Ausmaß und nicht in der Bandbreite an unter­ schiedlichen Qualifikationen wie bisher. Gerade für Menschen, die die eine oder andere kleine Einschränkung haben oder die schlichtwegs älter sind, wird es noch enger. Und es gibt viele Menschen, die über ein Zuviel an Arbeit klagen und die ins Burn­out gehen, weil sie zu viel arbei­ ten. Wir sind ein Land mit extrem vie­ len Überstunden, und auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die keine Arbeit haben. Es ist also definitiv auch ein Verteilungsproblem. Ein Rezept, auf das man momentan zu setzen scheint, ist Qualifizierung. Bloß reicht dies? Das Problem ist, dass sie oft anstelle von anderen Formen von Beschäftigung aus dem Hut gezaubert wird. Qualifizierung an sich ist ein wunderbares und wichtiges Instrument. Aber es löst das Problem nicht, dass es zu wenige Jobs gibt. Gerade bei der Gruppe der Älteren wird man über Qualifizierung alleine nichts erreichen. Diese Menschen brau­ chen in einem ersten Schritt eine Be­ schäftigung. Sie kommen aus Langzeit­ arbeitslosigkeit, haben oft schon zwei­ hundert bis sechshundert Bewerbungen geschrieben und nicht einmal eine Absa­ ge erhalten. Das ist wirklich dramatisch, und das geht quer durch alle Qualifika­ tionsniveaus. Was bei der Gruppe sehr hilft, ist die Kombination von Arbeiten und Lernen: Sie erhalten eine Beschäftigung und währenddessen schaut man darauf, was sie können. Es geht um Kompetenz­ erfassung, und das ist ein wirklich wichtiger Punkt. Es wird nicht nur das betrachtet, was im Lebenslauf steht, sondern was Menschen im Laufe ihres Lebens gelernt haben, welche informel­ len Kompetenzen sie erworben haben. Das den Menschen selber zugänglich zu machen, um ihnen so wieder den Zugang zu Weiterqualifizierung zu ge­ ben – an dieses Konzept glaube ich zu­ tiefst, letztlich für alle Altersgruppen. Die Menschen nehmen sich selbst dann ganz anders wahr, weil sie gebraucht werden, sich ein neues Netzwerk auf­ bauen können und sich danach aus einem ganz anderen Zustand heraus wieder bewerben. Ältere Langzeitarbeitslose haben ei­ nen Fünfer vorm eigenen Alter stehen, und es wird ihnen de facto vom Arbeits­ markt gesagt: Wir brauchen dich nicht mehr. Das ist eine unglaublich entwür­ digende Erfahrung, dass Menschen, nur weil sie älter sind, signalisiert bekom­ men, sie werden nicht mehr gebraucht. Genau deshalb fand ich die Aktion 20.000 einfach so großartig, weil sie zu genau diesen Menschen gesagt hat: Wir brauchen dich! Und die Menschen sind total aufgeblüht. Dazu ein Praxisbeispiel: Ein Arbei­ ter, der sehr lange am Bau beschäftigt war, hatte einen Bandscheibenvorfall und kann diesen Job nicht mehr ma­ chen. Im Rahmen der Aktion 20.000 hat er in einem Altenheim Freizeitge­ staltung übernommen. Er hat gesagt, das könne er deshalb so gut, weil er seine kranke Mutter auch sehr lange gepflegt hat – und es mache ihm großen Spaß. Die Organisation hat ihm angeboten, eine Ausbildung zur Altenpflegekraft zu machen. Die wird er machen, und die Jobchance danach ist 100 Prozent, weil genau solche Menschen gesucht werden. Und er sagt jetzt noch einmal mit über 50: Super, das ist eine neue Perspektive, mir macht das Spaß. Und man hat eine superwertvolle Arbeitskraft gewonnen. Das sind absolute Win­win­Situationen. Momentan wird Arbeitslosen unter­ stellt, sie wären nicht willig zu arbeiten, deshalb müsse man den Druck auf sie erhöhen. Wie sind Ihre Erfahrungen? Unsere Erfahrung ist eine völlig andere. Unsere Erfahrung in den sozialen Unter­ nehmen – in den letzten 30 Jahren – ist, dass die Menschen arbeiten wollen. Sie wollen beteiligt sein, arbeiten, sie wollen sich gebraucht fühlen, ihre Kompetenzen einbringen – umso mehr, wenn sie älter werden. Und das sind diese zwei Tatsachen, die überhaupt nicht zusammengehen, dass wir einerseits sagen, wir wollen eine höhere Erwerbsbeteiligung von älteren Menschen – und andererseits versagt der Markt total. Arbeitsmarktexpertin Judith Pühringer sieht im Ende der Aktion 20.000 eine vergebene Chance, älteren Langzeitarbeitslosen Perspektiven zu eröffnen und wertvolle Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Abschaffung der Notstandshilfe wäre ein „völliger Bruch“ mit dem bisherigen System mit allen nachteiligen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und die Menschen. Interview: Sonja Fercher | Fotos: Michael Mazohl