22 Arbeit&Wirtschaft 1/2018 W eiterbildung bringt nicht nur den Beschäftigten, sondern auch den Betrieben etwas. Die- se Erkenntnis hat sich inzwi- schen auch in der überwiegenden Mehr- heit der österreichischen Unternehmen herumgesprochen. Für BetriebsrätInnen scheint sie jedoch ein Orchideenthema zu sein. Dabei hätten sie durchaus Mög- lichkeiten mitzubestimmen. Nicht nur das: Jene, die sich eingebracht haben, ta- ten dies mit Erfolg. Nicht alle profitieren Nach der jüngsten Erhebung der Sta- tistik Austria waren im Jahr 2015 88 Prozent aller Unternehmen des Produk- tions- und Dienstleistungssektors „wei- terbildungsaktiv“, das heißt, sie inves- tieren in Weiterbildungskurse oder an- dere Formen der betrieblichen Weiter- bildung. So weit die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: Nicht alle Be- schäftigten profitieren gleichermaßen davon. So nimmt nicht einmal die Hälf- te aller Beschäftigten (45 Prozent) an Weiterbildungsmaßnahmen teil. Ekla- tant benachteiligt sind die Arbeitneh- merInnen in Kleinbetrieben mit einer Teilnahmequote von 35 Prozent. Be- schäftigte des Dienstleistungssektors kommen eher in den Genuss von Wei- terbildungsmaßnahmen als Beschäftig- te des produzierenden Bereichs. Frauen geraten gegenüber Männern auch bei der Weiterbildung ins Hintertreffen, ein Phänomen, das erstaunlicherweise im Dienstleistungssektor sogar noch stärker ausgeprägt ist als im produzie- renden Bereich. Eine der Ursachen dafür ist wohl die seltene Einbindung der Belegschaftsver- tretung in das Weiterbildungsmanage- ment. Insgesamt wird der Betriebsrat nur in fünf Prozent der Unternehmen mit Weiterbildungsfragen befasst, wobei die Situation in Großbetrieben mit 250 Beschäftigten und mehr mit einer 19-prozentigen Einbindung merklich besser ist. Das verwundert nicht, sind dort doch auch überdurchschnittlich häufig Belegschaftsvertretungen instal- liert. Doch auch dort, wo es Betriebsräte oder Personalvertretungen gibt, bringen diese sich nicht so stark ein, wie sie dies könnten. An sich muss der Betriebsrat über geplante Maßnahmen ehestmöglich in Kenntnis gesetzt werden. Er hat das Recht, Vorschläge zu machen und an der Planung und Durchführung mitzu- wirken. Art und Umfang der Mitwir- kung können auch in einer Betriebsver- einbarung geregelt werden. Von Geset- zes wegen kann sich der Betriebsrat in Weiterbildungsfragen also sehr stark in einer beratenden Funktion einbringen. Im Zuge einer groß angelegten Mitbe- stimmungsstudie der AK Wien im Jahr 2012 wurden auf der einen Seite Arbeit- nehmerInnen, auf der anderen Seite Be- triebsrätInnen und PersonalvertreterIn- nen repräsentativ befragt. Sie sollten unter anderem die verschiedenen Ar- beitsgebiete der Belegschaftsvertretun- gen beurteilen. Das Engagement für die betriebliche Weiterbildung rangierte beiderseits etwa im Mittelfeld. Das Interessante dabei: Dieser Einsatz war überdurchschnittlich häufig von Erfolg gekrönt. Zudem wird es von den Beschäftigten positiv regis- triert, wenn BelegschaftsvertreterInnen hier aktiv werden. Nicht oberste Priorität In der Betriebsratsarbeit gehört das En- gagement für Weiterbildung nicht zu den obersten Prioritäten. Bei Betriebsrä- tInnen und PersonalvertreterInnen hat die Qualifikationsfrage unter 18 Tätig- keitsfeldern Priorität 11. Auch bei den Beschäftigten selbst kommt Weiterbil- dung als Aufgabe des Betriebsrats nur auf Rang 12 von 16. Die betriebliche Weiterbildung wird also weitgehend den Unternehmen und ihren Personalabtei- lungen überlassen. Damit werden die Möglichkeiten zur Weiterbildung nicht voll genutzt und zudem sehr ungleich wahrgenommen: vor allem von Beschäf- tigten (Führungskräften und ExpertIn- nen), die bereits hoch qualifiziert sind. Das Arbeitsverfassungsgesetz räumt BetriebsrätInnen zwar Beratungsrechte ein, das allein reicht aber nicht aus, um zu einem wirkungsvollen Player zu wer- den. Denn es fehlt das mächtigste Mit- bestimmungsinstrument: die erzwing- bare Betriebsvereinbarung. Deshalb muss die Mitwirkung über Umwege versucht werden, zum Beispiel über die Nutzung anderer Regulative. Weit- gehend unbekannt ist, dass der Kollek- tivvertrag für Angestellte der Elektro- und Elektronikindustrie für Aus- und Ulrich Schönbauer Abteilung Betriebswirtschaft der Arbeiterkammer Wien Die Orchidee pflegen Bei der Weiterbildung könnten BetriebsrätInnen viel stärker mitwirken, als sie dies bisher tun. Ein Einblick in die Möglichkeiten.