43 W enn Sie diese Zeilen lesen, bin ich seit einigen Tagen AK-Prä- sidentin und damit an der Spit- ze jener Institution, die man- chen Vertretern aus Industrie und Wirt- schaft ein Dorn im Auge ist. Warum das so ist, ist schnell erklärt: Die AK steht grundsätzlich aufseiten der Arbeitneh- merInnen. Mehr als fünfhundert Millio- nen Euro, die für die Mitglieder im Vor- jahr vor Gericht und außergerichtlich erstritten wurden, sprechen da eine sehr deutliche Sprache. Ziel: An den Rand drängen Insofern ist es fast logisch, dass auch eine Regierung, deren Programm sich stark an den Wünschen von Industrie und Wirt- schaft orientiert, mit der AK nicht viel Freude hat. Kommuniziert wird das na- türlich anders: Da ist dann von Effizienz- steigerungen die Rede, von Bürokratie- abbau und einer „schlanken“ Verwaltung. Das ist ein sehr geschickter Schachzug: Niemand will sich mit Bürokratie her- umschlagen und effizienter werden ist immer gut. Aber worum es den Gegnern der AK wirklich geht, ist, die mächtigste Ver- bündete der ArbeitnehmerInnen end- lich an den Rand zu drängen und die Gewerkschaftsbewegung zu schwächen. Keine lästigen Einmischungen, wenn den Menschen zu wenig bezahlt wird, keine mahnende Stimme, die Gesetze begutachtet und Verbesserungen einfor- dert, kein starkes Bollwerk gegen den generellen 12-Stunden-Tag. Als Metallerin bin ich mit flexiblen Arbeitszeitmodellen bestens vertraut. Die Möglichkeit, bei Auftragsspitzen länger zu arbeiten, um ein Projekt oder eine Produktion fertigzustellen, gibt es bereits. Im Rahmen von Betriebsverein- barungen ist es ohne Weiteres möglich, länger zu arbeiten – aber dafür gibt es Spielregeln. Lange Arbeitszeiten müssen planbar sein, und es muss einen Aus- gleich geben, entweder in Form von Zeit oder Geld. Es ist außerdem keineswegs so, dass in ganz Österreich um 17 Uhr alle den Stift fallen lassen. Dort, wo es notwen- dig ist, wird ja rund um die Uhr gearbei- tet, Aufträge werden erfüllt, der Kon- junkturmotor brummt. Also worum geht es hier wirklich? Die Industriellenvereinigung hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass es um eine einseitige Arbeitszeitflexibilisie- rung geht, nicht darum, auch die Wün- sche der Beschäftigten zu berücksichti- gen. Im Regierungsprogramm ist hier die Rede von der „Verlagerung auf die betriebliche Ebene“. Das klingt eigent- lich großartig, oder? Aber mit dieser Verlagerung ist nichts anderes gemeint als das Aushebeln der Kollektivverträge und das Rausdrängen der Sozialpartner- schaft aus Lohn- und Arbeitszeitver- handlungen. „Betriebliche Ebene“ heißt in letzter Konsequenz, dass jede und jeder Be- schäftigte sich seine Arbeitszeit allein mit dem Chef oder der Chefin aushan- deln muss. Das mag ja im einen oder anderen Fall auch funktionieren, aber wer die Realität der Arbeitswelt kennt, weiß, dass im Zweifelsfall immer der Chef das letzte Wort hat. Ohne Be- triebsrat im Rücken wird es auch mit der „Freiwilligkeit“ nicht sehr weit her sein. Ich finde es daher bemerkenswert, dass sich ausgerechnet eine Partei, die sich selbst zur neuen „Arbeiterpartei“ stilisiert, für den 12-Stunden-Tag stark- macht. Gewinnmaximierung Dabei zeichnet sich ganz deutlich ab, dass mittelfristig kein Weg an einer Ar- beitszeitverkürzung vorbeiführen wird. Die technologische Entwicklung, die den Kassier im Supermarkt und die Bankbeamtin ersetzt, ist nicht aufzuhal- ten. Sie bietet aber auch große Chancen, wenn wir die Sache richtig angehen. Konzerne, die sich viel Personal spa- ren, weil sie auf Technologie setzen, können ihre Gewinne maximieren. Es wäre also nur fair, würden sie auch einen fairen Anteil zum allgemeinen Wohl- stand leisten. Diesbezüglich findet sich allerdings recht wenig im Regierungs- programm. Macht nichts. Um das ein- zufordern, gibt es die AK! Die AK und ihre Gegner Nicht zuletzt von Renate Anderl Präsidentin der AK Wien und der Bundesarbeitskammer© S eb as tia n Ph ili pp