22 Arbeit&Wirtschaft 5/2018 Z ukunftsprognosen genießen spätes- tens seit der Finanz- und Wirt- schaftskrise, die im Jahr 2008 ihren Ausgang genommen hat, kein gutes Image mehr. Niemand konnte vorherse- hen, dass die Pleite einer einzigen Invest- mentbank die Weltwirtschaft auf den Kopf stellen würde. Auch rasante tech- nologische und politische Entwicklun- gen machen glaubwürdige Vorhersagen schwieriger. Umso vorsichtiger ging die Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbunds an die Frage heran: Wie kann Mitbestimmung im Jahr 2035 aussehen? Statt für eine genaue Progno- se als Antwort hat sich die Stiftung für vier verschiedene Zukunftsszenarien ent- schieden. Jedes davon könnte genau so eintreffen – oder in einer Variante oder Mischform. Szenarien als Dialogangebot Die Szenarien lauten: Fairness, Verant- wortung, Wettbewerb und Kampf. Je nachdem, in welche Richtung sich Ge- sellschaft und Wirtschaft entwickeln, wird auch Mitbestimmung anders aus- sehen müssen. So heißt es etwa im Sze- nario Wettbewerb: „Die Gesellschaft ist allgemein unpolitischer geworden. Die frühen 20er Jahre sind durch den Rück- zug ins Private geprägt, die Orientierung auf die eigenen Belange und einen guten Lebensstandard. Flexibilität und Mobi- lität sind das Gebot der Stunde.“ In Be- zug auf die Gewerkschaftsarbeit heißt es dazu unter anderem: „Der gewerkschaft- liche Organisationsgrad der Arbeitneh- mer sinkt ins Bodenlose. Nur noch in den großen Unternehmen einiger Bran- chen und im öffentlichen Sektor gelingt es den Gewerkschaften, überbetriebliche Tarifabschlüsse zu erzielen. In anderen Bereichen bleiben nur diejenigen Ge- werkschaften und Interessenverbände im Spiel, die für ihre Mitglieder einen spür- baren konkreten Mehrwert erbringen können.“ Das Szenario Fairness geht da- gegen davon aus, dass die Arbeitswelt demokratischer wird, kollektive Interes- senvertretungen an Bedeutung gewin- nen, um individuelle Handlungsspiel- räume zu vergrößern und faire Arbeits- bedingungen abzusichern. Kein Masterplan Die Szenarien, welche die Stiftung 2015 erarbeitet hat, sind als Dialogan- gebot gedacht, als Anregung, darüber zu diskutieren. Michael Stollt hat das Projekt koordiniert und schon zahlrei- che Workshops mit diversen Teams dazu durchgeführt. Er sagt: „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, ein Wunschszenario oder einen Masterplan zur Verfügung zu stellen.“ Von Anfang an war der offene Zugang wichtig, der signalisiert: „Wir wollen nicht die Ant- worten liefern, sondern alternative, plausible Entwicklungspfade mit euch diskutieren.“ Als Grundlage für einen weiterführenden Diskurs dienen unter anderem die ausformulierten Szenari- en, aber auch kurze Zusammenfassun- gen davon, Audiodateien, Leitfragen, Illustrationen, Artikel und Werkzeug- kästen sowie Erklärtexte zur eigenstän- digen Arbeit mit den Szenarien (siehe mitbestimmung.de/mb2035). Das Angebot wird seit drei Jahren rege angenommen. Die Teilnehme- rInnen, darunter BetriebsrätInnen, Ge- werkschaftsmitarbeiterInnen, Aufsichts- rätInnen, Human-Resources-Mit ar bei te- rInnen, Lehrende und Studierende, ar- beiten im Rahmen von Veranstaltun- gen und Workshops mit den Szenarien. Wer Interesse hat, muss nicht auf die nächste Veranstaltung warten, sondern kann sich an die Stiftung wenden und Michael Stollt ins Unternehmen einla- den – oder selbstständig mit dem Tool arbeiten. Meist werden in den Work- shops Fragen gestellt, die für die eigene Gruppe relevant sind, und dann Ant- worten für jedes Szenario erarbeitet. Stollt: „Diese Anschlussfähigkeit ist enorm wichtig, damit es nicht abstrakt bleibt. Je konkreter man die Szenarien auf die eigene betriebliche oder institu- tionelle Welt überträgt, umso spannen- der wird es.“ Nicht immer ist Mitbe- stimmung dabei das zentrale ema. Es gab etwa einen Workshop mit Stu- dierenden, die über Zukunftsszenarien der Nachhaltigkeit debattierten. Auch die Diskussionsform ist offen: „Wir versuchen bewusst, methodisch nicht vortragsmäßig vorzugehen, sondern die Szenarien gemeinsam zu erkunden und weiterzudenken.“ Der Kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt, so gab es etwa Improvisationstheater- Workshops. Im Jahr 2017 fand auch in Wien ein Workshop zur Mitbestimmung statt. Heinz Leitsmüller, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft der AK Wien, nahm Alexandra Rotter Freie Journalistin Kontrastreiche Zukunft Die Hans-Böckler-Stiftung hat erarbeitet, wie Mitbestimmung 2035 aussehen könnte. Das Ergebnis sind vier mögliche Zukunftsszenarien.