40 Arbeit&Wirtschaft 5/2018 W ie kann man unterschiedliche Computersysteme dazu brin- gen, miteinander zu kommuni- zieren? Dieses Problem trieb Ende der 1980er-Jahre den Wissenschaf- ter Tim Berners Lee vom Forschungszen- trum CERN um. Um das Problem zu lösen, entwickelte er 1990 die Programmier- sprache HTML. Sie ist bis heute der grundlegende Baustein des modernen Internets. Lee betrachtete seine Erfindung als einen Dienst für die Allgemeinheit. Er wollte, dass sich WissenschafterInnen weltweit miteinander vernetzen können, um an den Problemen der Menschheit zu arbeiten. Deshalb meldete er auch kein Patent an. Hier liegt der Grün- dungsmythos des Internets: eine Tech- nologie, welche der Information zur Freiheit im Dienste aller Menschen ver- helfen soll. Schon in den vorhergehenden Jahr- zehnten wurden Vorläufer des Internets entwickelt. 1960 arbeitete das US-ame- rikanische Militär an einem Compu- ternetzwerk, um die Rüstungsforschung besser verknüpfen und koordinieren zu können. Die chilenische Linksregierung unter Salvador Allende bastelte in den frühen 1970er-Jahren an dem compu- tergestützten Fernschreibernetzwerk „Cy- bersyn“. Dieses sollte der Regierung bei der effizienten Gestaltung einer sozialis- tischen Planwirtschaft helfen. Die Wurzeln des Internets liegen also im staatlichen oder zumindest staat- lich geförderten Bereich. Das gerät leicht in Vergessenheit, betrachtet man die schöne bunte Onlinewelt der heuti- gen Zeit. Spätestens Ende der 1990er- Jahre sprangen private Konzerne auf den digitalen Zug auf. Sie profitierten von der Vorarbeit, die der öffentliche Sektor geleistet hatte. Das Paradoxe an dieser Situation ist, dass nie zuvor in der Menschheitsgeschichte so viele Men- schen über Computer miteinander ver- netzt waren wie heute, während zeit- gleich eine Handvoll Großkonzerne die weitgehende technologische Kontrolle über das Internet übernommen hat. Problematische Monopole Es ist ja so praktisch. Soziale Medien sind auch in der internationalen gewerkschaft- lichen Arbeit nicht mehr wegzudenken. AUVA-Beschäftigte organisierten sich in Facebook-Gruppen, um für ihre De- monstration gegen die von der Regierung geplanten Einsparungen am 1. Mai zu mobilisieren. Als ebenfalls am 1. Mai in Großbritannien Beschäftigte von McDo- nald’s streikten, konnte man über Twitter weltweit live dabei sein. Auch Online- petitionen gehören inzwischen zum Stan- dardrepertoire bei der Durchführung ge- werkschaftlicher Kampagnen. Doch wie immer, wenn es um Pro- dukte privater Konzerne geht, gibt es auch hier einen Preis zu zahlen. Zwar verlangt Facebook von seinen NutzerIn- nen kein Geld, aber das weltgrößte sozi- ale Netzwerk verdient seine Milliarden mit Werbung und Datenhandel. Der in London lehrende, aus dem Wald- viertel stammende Medienwissenschaf- ter Christian Fuchs sieht hier den größ- ten Knackpunkt der „sozialen Medien“. In seinem Text „Internet, Kapitalismus und periphere Entwicklung im Wald- viertel“ schreibt er: „Das Problem sozia- ler Medien ist, dass sie primär von kali- fornischen Unternehmen betrieben werden, die die persönlichen Daten der NutzerInnen zur Ware machen und die- se Daten nutzen, um Werbetreibenden personalisierte Werbung auf den Profi- len der AnwenderInnen zu ermögli- chen. Soziale Medien wie Facebook und Google sind keine sozialen Kommuni- kationsunternehmen, sondern die größ- ten Werbeunternehmen der Welt, die an individueller Profitsteigerung orien- tiert sind und dazu die digitale Arbeit der NutzerInnen ausbeuten.“ Die so gesammelten Daten können auch noch ganz anderen Zwecken zuge- führt werden. Fuchs erklärt dazu: „Die Aufdeckungen von Edward Snowden haben verdeutlicht, dass es einen über- wachungsindustriellen Komplex gibt, in dem Geheimdienste mit privaten Si- cherheitsunternehmen wie Booz Allen Hamilton und Kommunikationsunter- nehmen wie AOL, Apple, Facebook, Google, Microsoft, Paltalk und Yahoo zusammenarbeiten, um die Destinatio- nen und Inhalte der Kommunikation von BürgerInnen zu überwachen.“ Das betrifft auch gewerkschaftliche Kom- munikation in sozialen Medien, was vor allem dann bedacht werden sollte, wenn sich etwa eine Belegschaft unter klan- destinen Bedingungen in einem gewerk- schaftsfeindlichen Unternehmen orga- nisiert. Doch zurück zur Frage nach dem Gemeingut Internet. Fuchs nähert sich Wie gemeinnützig ist das Internet? Die Wurzeln des Internets liegen im staatlichen oder staatlich geförderten Bereich. Ende der 1990er-Jahre sprangen private Konzerne auf den digitalen Zug auf. Christian Bunke Freier Journalist