16 Arbeit&Wirtschaft 7/2018 Arbeit&Wirtschaft: Seit rund einem halben Jahr sind Sie an der Spitze der Arbeiterkammer – jener Organisation, die manchen VertreterInnen der Wirt- schaft, Industrie und Politik ein Dorn im Auge ist. Wie sind die politischen Angriffe auf die AK einzuordnen? Renate Anderl: Das größte Problem der- zeit ist, dass wir keine sehr gute Ge- sprächsbasis mit der Regierung haben. Termine werden immer wieder verscho- ben oder abgesagt. Vieles erfahren wir nur über die Medien. Dass die Regierung ihre Pläne zu einer Kürzung der Kam- merumlage auf Eis legt zum Beispiel, habe ich in der Zeitung gelesen. Das macht die Arbeit natürlich schwierig, da wir uns auf unsicherem Boden bewegen und eigentlich nie genau wissen, ob und in welcher Form ein Angriff auf die AK kommt. Was mir schon auffällt ist, dass die AK deutlich öfter und schärfer kritisiert wird als die WKÖ oder andere Kam- mern wie Ärztekammer, Notariatskam- mer usw. Da liegt natürlich der Ver- dacht nahe, dass eine Regierung, deren Maßnahmen bis jetzt ausgesprochen unternehmerfreundlich waren, einfach nicht will, dass die ArbeitnehmerInnen eine starke Partnerin an ihrer Seite ha- ben. Die wiederkehrenden abfälligen Bemerkungen diverser Regierungsmit- glieder über unsere Arbeit und die der Gewerkschaften verstärken diesen Ver- dacht. Wir sind natürlich Sand in die- sem wenig sozialen Getriebe. Was will die Arbeiterkammer dem ent- gegenhalten? Wir haben beschlossen das Angebot der AK insofern zu reformieren, dass wir noch mehr Service für die Mitglieder anbieten wollen, ohne die Umlage zu erhöhen. Ge- meinsam mit den Länderkammern haben wir ein Paket geschnürt – das „Zukunfts- programm“. Ein wesentlicher Schwer- punkt darin ist die Digitalisierungsoffen- sive. Bis jetzt ist es so, dass öffentliche För- derungen in diesem Bereich sich entweder auf technologische Innovation beschrän- ken oder Unternehmensförderungen sind. Wir wollen hier bewusst einen Kontra- punkt setzen und die ArbeitnehmerInnen dabei unterstützen, damit sie auch in Zei- ten technologischer Umbrüche mithalten können, etwa durch Weiterbildung. Ebenfalls im Zukunftsprogramm ent- halten ist die Intensivierung der Beratung zum ema Wohnen oder zum Nachho- len eines Pflichtschulabschlusses. Abgese- hen davon werden wir natürlich die Menschen weiterhin darüber informie- ren, was die AK alles leistet. Ende August fand das erste Treffen mit Bundeskanzler Kurz statt. Die Chefs der vier Sozialpartnerorganisationen wur- den zum Sozialversicherungsgipfel ins Bundeskanzleramt eingeladen. Wie ist das zu bewerten? Grundsätzlich ist es positiv, dass die Regie- rung sich erstmals seit ihrem Antritt mit den Spitzen von ÖGB und AK getroffen hat. Ob und inwiefern unsere Expertise bei der geplanten SV-Reform tatsächlich ein- fließen wird, bleibt abzuwarten. Grund- sätzlich ist bei mir schon der Eindruck ent- standen, dass sich die Regierung zwar um eine gute Atmosphäre bemüht, aber eigent- lich nicht gewillt ist, die Einwände der Ar- beitnehmerInnen in dem Ausmaß zu be- rücksichtigen, wie es notwendig wäre. Gemeinsam mit den Gewerkschaften und anderen Organisationen hat sich die Arbeiterkammer gegen einen 12-Stunden-Tag ausgesprochen. Nun ist dieser Realität, seit 1. September gilt das neue Arbeitszeitgesetz. Was bedeutet das für die Beschäftigten? Wir befürchten schon, dass es zu deutli- chen Verschlechterungen für die Beschäf- tigten kommen wird. Es wird zwar von der Arbeitgeberseite gerne betont, dass ganz bestimmt niemand das neue Gesetz ausnützen wird, aber die Realität sieht dann doch anders aus. Wir hatten bereits vor dem 1. September zahlreiche Fälle in der Beratung – teilweise mit haarsträuben- den Arbeitszeitvereinbarungen. Es haben mich auch immer wieder E-Mails von Ar- beitnehmerInnen erreicht, die erzählten, dass ihre Chefs ihnen schon davor verkün- det haben, dass sie nun 12 Stunden arbei- ten müssten und dass jeder, dem das nicht passt, gerne gehen kann. Es gab auch Fälle, wo Vorgesetzte ganz offen gesagt haben, dass sie jetzt ein paar Mitarbeiter entlassen können, weil sie den Rest der Belegschaft länger arbeiten lassen dürfen. Es steht also zu befürchten, dass Schon jetzt werden bei der Arbeiterkammer vermehrt Fälle gemeldet, bei denen Chefs die neuen Arbeitszeitgesetze auszunutzen versuchen. AK- Präsidentin Renate Anderl verspricht, diesbezüglich bei der Regierung nicht lockerzulassen. Außerdem spricht sie über die Angriffe auf die AK, unflexible Arbeitgeber, das AK-Zukunftsprogramm und Geschlechtergerechtigkeit. Interview: Amela Muratovic | Fotos: Sebastian Philipp Der Sand in diesem wenig sozialen Getriebe