18 Arbeit&Wirtschaft 8/2018 beitsverhältnis zurückgedrängt wird, des- to mehr müssen wir uns dieser Hundert anderen Formen annehmen: Entweder wir holen die betroffenen Menschen ins klassische Arbeitsverhältnis zurück oder wir überlegen uns neue Organisations- formen. Wir müssen verhindern, dass der einst homogene Block der arbeitenden Menschen durch neue Arbeitsformen immer mehr ausfranst. Wir müssen auch den arbeitenden Menschen ein Angebot machen, die nicht klassisch im Industriebetrieb beschäftigt sind. Gewerkschaften und AK haben das Ver- teilungsthema sehr stark getrommelt. Geht das nicht eigentlich über das Man- dat von Gewerkschaften hinaus? Verteilung ist immer ein zentrales Thema der Gewerkschaften gewesen. Eigentlich ist es das ureigenste Thema: Das, was ei- ne Gesellschaft erarbeitet, gerecht zu ver- teilen zwischen jenen, die das Kapital da- für zur Verfügung stellen und jenen, die ihre Arbeitskraft dafür aufwenden – wo- mit wir wieder beim Klassenkampf wären. Das Verteilungsthema bleibt immer im Vordergrund, denn auch jede Lohn- verhandlung ist ein Verteilungskampf. Es gibt natürlich auch andere Ebenen des Verteilungskampfes oder der Vertei- lungsdiskussion oder wie auch immer man das nennen will. Eine weitere Ebe- ne ist das Steuersystem; das haben wir vor ein paar Jahren sehr in den Mittel- punkt gestellt. Aber auch die Arbeitszeit hat natürlich damit zu tun, weil es stellt sich ja immer die Frage: Für wie viel Ar- beit kriege ich wie viel Geld? Das hängt Daher wird auch kein Betriebsrat, kein Funktionär genötigt, Oppositionspoli- tik zu machen. Sondern wir machen Arbeitnehmerinteressenvertretung, und dafür sind wir ja schließlich da. Die Be- triebsrätInnen vertreten in dem Fall die Interessen der ArbeitnehmerInnen in der Branche oder im Betrieb. Nun könnte man aber auch fragen: Wa- rum aktionistisch sein, wenn man dann erst recht wieder verhandelt? Na ja, in einer Demokratie ist natürlich der Druck der öffentlichen Meinung ein wesentliches Element. Politiker haben ei- ne „Schwäche“: Sie wollen wiedergewählt werden. Daher achten sie schon auf die Stimmung in der Bevölkerung. Und wenn man die Stimmung der Bevölke- rung beeinflussen will, dann muss man entsprechende Informationen liefern und diese so aufbereiten, dass sie auch gehört und wahrgenommen werden. Daher sind manchmal auch aktionistische Ansätze notwendig. Ein Vorwurf, der sehr oft gegenüber den Gewerkschaften und Arbeiterkammern erhoben wird, ist jener des Klassen- kampfs. Was erwidern Sie darauf? Wenn es Klassenkampf ist, sich für die Interessen der ArbeitnehmerInnen ein- zusetzen, dann bin ich gern ein Klas- senkämpfer. Gibt es denn überhaupt noch Klassen? Viele Politiker tun alles, um diesen grund- sätzlichen Gegensatz zwischen arbeiten- den Menschen und Kapitaleignern ver- schwimmen zu lassen. Aber es gibt na- türlich unterschiedliche Interessen zwi- schen unselbstständigen Erwerbstätigen und jenen, die große Unternehmen ha- ben und Arbeitsplätze anbieten. Die Gruppe der unselbstständig Erwerbstäti- gen ist nur nicht mehr so homogen wie vor 200 Jahren. Durch prekäre Arbeitsverhältnisse ver- schwimmen die Interessenlagen der Ar- beitenden. Wie schafft man es als Ge- werkschaft dennoch, diese Interessen zusammenzubringen und zu bündeln? Das Gemeinsame ist, dass sie in der Re- gel von einem Arbeitgeber wirtschaftlich abhängig sind – und zwar egal, ob sie diesen Arbeitgeber oder Auftraggeber nennen. Egal, ob jemand offiziell ein Ar- beitsverhältnis oder einen freien Dienst- vertrag oder einen Werkvertrag hat: Man ist in der Regel in der schwächeren Posi- tion, auch wenn es im Detail sehr unter- schiedliche Verhältnisse und damit Inte- ressen gibt. Hingegen haben die großen Industriebetriebe, Banken und Versiche- rungen und so weiter ein großes gemein- sames Interesse: in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld verdienen. Inwieweit gelingt den Gewerkschaften die Organisierung dieser heterogenen Gruppe? Wenn die Gewerkschaftsbewegung sehr viele Mitglieder mit sehr vielen unter- schiedlichen Interessen hat, dann ist das natürlich eine Herausforderung. Aber es gelingt den Gewerkschaftsbewegungen gut, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. Je mehr sich die durchsetzen, die dafür sorgen, dass das klassische Ar- „Wenn es Klassenkampf ist, sich für die Interessen der ArbeitnehmerInnen einzusetzen, dann bin ich gern ein Klassenkämpfer“, erwidert Bernhard Achitz auf entsprechende Vorwürfe.