Arbeit&Wirtschaft 9/2018 Arbeit&Wirtschaft: Wie weit hat Sie das diesjährige Gedenkjahr beschäftigt bzw. betroffen? Ferdinand Lacina: Wichtig war für mich erstens 100 Jahre Gründung der österreichischen Republik am 12. No­ vember. Zweitens das Jahr 1968 in der Tschechoslowakei, ein beeindruckender Versuch, einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen – der dann ja unter den Panzern zermalmt wurde. Ich habe damals eine Reportage für die A&W über die Veränderungen in der Stahlindustrie gemacht. Da war ich unter anderem in Košice, in der Slowakei und in den Stahlwerken in Mährisch­Ostrau. Die Eindrücke wa­ ren sehr unterschiedlich: In der Slowa­ kei war alles sehr offen, in Mähren dage­ gen sehr stalinistisch geprägt. Dort hat­ ten die alten Funktionäre auch zur Zeit Dubèeks noch sehr viel Macht. In den Werken in Mährisch­Ostrau war neben jedem Arbeitsplatz eine Mess­ latte angebracht, wo für alle sichtbar die Produktivität und die Fehlzeiten jedes Arbeiters aufgelistet waren. Der dortige Belegschaftsvertreter hat mir erklärt, das diene dazu, den „sozialistischen Wettbe­ werb“ voranzutreiben. Die leistungsfä­ higsten Arbeiter bekamen dann Prämi­ en, durften auf Urlaub fahren etc. Wie haben Sie 1968 in Wien erlebt? Das waren im Prinzip Ausläufer von dem, was in Deutschland oder Frankreich pas­ sierte. Man hat versucht, das hier nach­ zumachen. Das grenzte manchmal schon ans Absurde, etwa wenn vor dem Büro der Programmzeitschrift HörZu, dem einzigen hier ansässigen Medium der re­ aktionären Springer­Presse, demonstriert wurde. Ich habe damals zwar auch an der Demonstration teilgenommen, aber es war doch schwer zu vermitteln, denn die Fernseh­Illustrierte hatte nichts mit Po­ litik zu tun. Immerhin sind in Wien alle mögli­ chen neuen Organisationen und Grup­ pen entstanden. Die meisten wurden von Frauen und Männern gegründet, die aus einem kommunistischen El­ ternhaus stammten. Im VSStÖ, der immer eher zum rechten Flügel der Partei gehört hatte, gewannen die „Linken“, zu denen auch ich gehörte, die Mehrheit. Wie viele Menschen waren damals bei diesen Demos? Ein paar hundert vielleicht, das wa­ ren keine Massendemos. Aber es hat sich danach doch einiges verändert, auch an den Universitäten. Fast bedeu­ tender war eigentlich 1965 mit der Borodajkewycz­Affäre, die Heinz Fischer und ich ausgelöst hatten. Ich hatte noch während meiner Studienzeit die antise­ mitischen Aussagen bei den Vorlesun­ gen mitgeschrieben. Was außerdem er­ wähnenswert ist: 1968 haben sich nicht nur linke Studenten, sondern auch die bürgerlichen radikalisiert. 1968 hat ja die ÖVP allein regiert … Bruno Kreisky hat mit einem großen Team – er sprach immer von 1.400 Ex­ perten, ich habe nie nachgezählt – einen Gegenentwurf versucht. Ich war damals in der wirtschaftswissenschaftlichen Ab­ teilung der AK. Es wurden Reformpro­ gramme ausgearbeitet, unter anderem in den Bereichen Justiz, Soziales, Bildung und Wirtschaft, die dann unter dem Mot­ to „Leistung, Aufstieg, Sicherheit“ prä­ sentiert wurden. Es war das erste Mal, dass die SPÖ ein komplettes Wirtschafts­ programm, nicht nur für die Verstaatlich­ te und die Infrastruktur, präsentierte. Die ÖVP hat die SPÖ ja nach wie vor als Schreckgespenst dargestellt, mittels der legendären roten Katze, die sich leise ins Haus schleicht und so unauffällig den Kommunismus mit sich bringt. Was waren danach die wichtigsten Ver- änderungen? Das Wirtschaftskonzept der ÖVP stamm­ te von Stephan Koren, der 1968 Finanz­ minister wurde. Dieser Koren­Plan ist insofern erwähnenswert, weil es für die ÖVP eigenartig war, ihr Konzept einen „Plan“ zu nennen. Das klang ja geradezu nach der von ihr kritisierten Planwirt­ schaft. Koren versuchte damit, zur Mo­ dernisierung und Restrukturierung der österreichischen Wirtschaft beizutragen. Man wollte auch den Proporz abschaffen, daher waren etwa in dem neu gegründe­ ten Entwicklungs­ und Erneuerungs­ fonds nur Vertreter der Kammern, aber keine Parteienvertreter. Damals wurde also trotz ÖVP­Mehrheit versucht, den Dialog aufrechtzuerhalten, während heu­ te die Arbeiterkammer fast überall hin­ ausgedrängt wird. Ab 1970 mit der Re­ gierung Kreisky wurde versucht, die günstige Konjunktur für Reformen und sozialpolitische Maßnahmen zu nutzen: Steuerreformen, Familienrechtsreform, Mutter­Kind­Pass usw. Nicht immer wa­ ren alle einverstanden – im Zuge der Dis­ kussion um die Straffreiheit des Schwan­ gerschaftsabbruchs in der Strafrechtsre­ form gab es viele Demonstrationen. Die 70er waren eine sehr, sehr span­ nende Zeit. Kreiskys Ziel war die Durch­ flutung der Gesellschaft mit Demokra­ tie. Später, besonders ab den 1990er­ Jahren entstand international die Ten­ denz, die Gesellschaft mit dem Wirt­ schaftlichkeitsprinzip, mit Kommerz zu durchfluten. Und die 1980er-Jahre, wo Ihre politi- sche Karriere begann? Der Strukturwandel und die Energiekrise brachten Ende der 1970er­Jahre wesent­ liche Veränderungen in vielen Bereichen. Die Auswirkungen waren in Österreich durch die Sozialpartnerschaft und die pa­ ritätische Kommission nicht so gravie­ rend, doch auch die verstaatlichte Grund­ stoffindustrie kam unter hohen Anpas­ sungsdruck. Das war für die Sozialdemo­ kratie, die stark mit der Verstaatlichten identifiziert wurde, eine große Herausfor­ derung. Die Arbeitslosigkeit nahm zu. Damals fiel auch das berühmte Kreisky­Zitat, dass ihm ein paar Milliar­ den Schulden weniger schlaflose Nächte bereiten würden als ein paar hundert­ tausend Arbeitslose. Ich wurde 1980 Kabinettschef von Bruno Kreisky und 1982 Staatssekretär. Um Arbeitsplätze zu erhalten, gab es mitunter konkrete Eingriffe – zum Teil gemeinsam mit dem Land Steiermark –, um Betriebe zu retten. Heute klingt das absurd, als Staat Unternehmen auf­ zukaufen, um diese und damit Arbeits­ plätze zu retten. Überhaupt wäre das heute schwieriger, denn in den letzten Jahren ist in der EU etwas passiert, was eigentlich so nicht absehbar war. Früher war die EU mehr oder weni­ ger neutral gegenüber dem Eigentümer, in den letzten Jahren wurde es immer öfter als verbotener staatlicher Eingriff angesehen, wenn der Staat sich an ei­ nem Unternehmen beteiligt oder des­ sen Kapital erhöht. INTERVIEW