18 Arbeit&Wirtschaft 9/2018 möglich war durch die Veränderungen in der Sowjetunion unter Gorbatschow. Wir waren damals mit Bundeskanzler Vranitz­ ky in Moskau und fanden ein ganz ande­ res Gesprächsklima vor als früher mit Andropov. Gorbatschow war sehr inter­ essiert und hat viele Fragen gestellt, das war nicht nur ein Austausch von Phrasen. Und es war klar, dass die Sowjetunion gegen die Integration Österreichs in die Europäische Gemeinschaft keinen Wi­ derstand leisten würde. Ich nehme an, der Rücktritt als Finanz- minister war ebenfalls ein denkwürdi- ges Ereignis? 1982 war Staatssekretär Nussbaumer im Amt verstorben und da Wahlen bevorstan­ den, hat Bruno Kreisky mich gefragt. Ich war ja seit 1980 sein Kabinettschef. Ei­ gentlich habe ich damals mit ein paar Mo­ naten in der Politik gerechnet, tatsächlich war das dann sehr viel länger. Prinzipiell bin ich sowieso der Meinung, dass jeder vor und nach einem politischen Amt auch etwas anderes machen sollte. Und ich ha­ be immer vorgehabt, den Zeitpunkt mei­ nes Ausscheidens selbst zu bestimmen. Das Bad in der Menge habe ich nie gebraucht und mir war klar, dass man die Wertschätzung des politischen Am­ tes mit persönlicher nicht verwechseln darf. So war mein Rücktritt keine große Geschichte. Wenn man längere Zeit in einem Amt ist und besonders als Finanz­ minister, dann muss man oft Nein sa­ gen. Am Anfang wird das noch als Teil der Rolle akzeptiert, später nehmen das viele persönlich. Auch die Gewerkschaft war manchmal nicht zufrieden mit mir, Die Entwicklung ging ja dann in die andere Richtung, nämlich Richtung Privatisierung ... Ja, die Sache mit Intertrading, wo mit öffentlichen Mitteln spekuliert worden war, hat dann den entscheidenden An­ stoß geliefert. Andererseits, die Verstaat­ lichung hatte seinerzeit ja zwei Ziele, nämlich die wichtigen Industrien dem Zugriff der Besatzungsmächte zu entzie­ hen, insbesondere der sowjetischen, was im Übrigen ohnehin nicht gelungen ist. Der zweite Grund war, die Kommando­ höhen der Wirtschaft zu neutralisieren. Spätestens in den 1980er­Jahren war bei­ des nicht mehr aktuell. Die Verstaatlich­ te hat nicht mehr die Kommandohöhen der Industrie repräsentiert. Was waren die wichtigsten Ereignisse während Ihrer Ministerzeit? Als Verkehrs­ und Verstaatlichtenminis­ ter: Wir haben mit regionalen Initiativen in den Industriegebieten versucht, den Strukturwandel der Wirtschaft möglichst glatt über die Bühne zu bringen. Wir wollten Zustände wie in der Wallonie, in England oder den Rust Belts der USA mit hoher Arbeitslosigkeit vermeiden. Natürlich konnte man nicht alles retten, aber mehr als man früher für möglich ge­ halten hätte. Die Obersteiermark etwa ist heute alles andere als ein Krisengebiet. Wie ist das gelungen? Durch verschiedenste Maßnahmen, zum Teil mit Forschungs­ oder Investitions­ förderungen, zum Teil hat man Partner hereingeholt. In der Nähe von Leoben und Graz sind Elektronikfabriken ent­ standen, für die das Know­how auslän­ discher Partner transferiert wurde. Sie haben ja einige Reformen durchge- führt und sind deswegen 1992 als welt- weit bester Finanzminister ausgezeich- net worden. Wir haben im Wesentlichen zwei Dinge gemacht: eine durchgreifende Steuerre­ form, durch die das Steuersystem, vor al­ lem die Einkommensteuer, wesentlich vereinfacht wurde. Die Negativsteuer wur­ de eingeführt, sodass auch jene, die so wenig verdienen, dass sie keine Lohnsteu­ er zahlen müssen, von der Reform profi­ tieren konnten. Wir haben die Lohnsteuerkarten und die Kfz­Steuermarken abgeschafft. Nicht zu vergessen die Unternehmenssteuerre­ form mit einer massiven Investitionsför­ derung, die unter Grasser abgeschafft wurde. Danach ist die Investitionskurve deutlich nach unten gegangen. Die Un­ ternehmen sind dann stärker in die Fi­ nanzanlagen gegangen, von denen man damals mehr profitieren konnte als von produktiven Investitionen. Das war ja einer der Gründe für die später überbordende Bedeutung der Fi­ nanzwirtschaft, die letztlich in die Krise geführt hat. Diese Vernachlässigung der Realwirtschaft wirkt bis heute nach. Was hat Sie in dieser Zeit persönlich am meisten bewegt? Erstens die Ostöffnung, wo wir versucht haben, österreichische Unternehmen zu unterstützen, damit sie sich dort nieder­ lassen können. Und zweitens die Vorbe­ reitungen zum EU­Beitritt, wo vieles erst Wir wollten Zustände wie in der Wallonie, in England oder den Rust Belts der USA mit hoher Arbeitslosigkeit vermeiden. Natürlich konnte man nicht alles retten, aber mehr als man früher für möglich gehalten hätte.