15Arbeit&Wirtschaft 2/2019 Stresshormone können nicht mehr voll- ständig abgebaut werden. Mögliche ge- sundheitliche Folgen reichen von Kopf- schmerzen, Nervosität, psychischen Stö- rungen, Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf- Erkrankungen bis hin zu einem erhöhten Krebs- und Sterberisiko. Warum aber gibt es die Bereitschaft, die eigene Gesundheit dem Job zu op- fern und sich buchstäblich zu Tode zu arbeiten? Psychologische Mechanismen, ausgelöst durch neue Managementsyste- me, wie die „indirekte Steuerung“, geben eine mögliche Antwort. Bei diesem Ins- trument wird der Unternehmenszweck nicht durch konkrete Anweisungen an die ArbeitnehmerInnen erreicht. Stattdessen wird deren Verantwor- tungs-, Handlungs- und Entscheidungs- spielraum erhöht – die Beschäftigten sol- len „das tun, was sie selber wollen“, um den Unternehmenszweck zu erfüllen. Der Betrieb gibt lediglich „motivieren- de“ Rahmenbedingungen vor: Leistungs- vergleiche zwischen Abteilungen/Stand- orten/Teams, Zielvorgaben (die sich kontinuierlich erhöhen) oder Konkur- renzdruck sind Beispiele hierfür. Die Verantwortung für die Zielerrei- chung sowie für die Beseitigung von Hindernissen (und damit für den Erfolg/ Misserfolg des Betriebs) wird „nach un- ten“ delegiert. „Tu, was du willst, aber sei protabel!“, beschreibt Jakob Schrenk in seinem Buch „Die Kunst der Selbstaus- beutung“ diese Stoßrichtung. Die unter- nehmerische Verantwortung wird dabei auf die ArbeitnehmerInnen übertragen. Erzwungene Selbstausbeutung Die Beschäftigten identifizieren sich hierbei in einer Weise mit der Arbeit, dass die Unternehmensziele zu den „ei- genen“ Zielen werden. Im Konflikt zwi- schen persönlichen Bedürfnissen wie Erholung und Zielerreichung gewinnt Zweiteres oft die Oberhand. Die Kon- sequenz: Notwendige Erholungszeiten und Pausen werden vernachlässigt, eige- ne Wünsche den Anforderungen der Ar- beit untergeordnet. Die „erzwungene Selbstausbeutung“ wird dabei als „selbstbestimmte Überfor- derung“ erlebt, beschreibt der deutsche Soziologe Nick Kratzer. Zur Erreichung der „eigenen“ Ziele werden dann – von den Beschäftigten selbst – Schutzbestim- mungen unterlaufen oder gar nur mehr als lästiges Hindernis auf dem Weg zum Ziel empfunden. (Arbeitszeit-)Schutzverpflichtung Fakt ist: Arbeitgeber sind laut Arbeitneh- merInnenschutzgesetz verpflichtet, die Beschäftigten vor psychischen und phy- sischen Gefahren zu schützen. Sie müssen Gefährdungen am Arbeitsplatz ermitteln und wirksame Gegenstrategien entwi- ckeln. So sind Belastungen, die zu Fehl- beanspruchung führen können, auszu- schalten oder zu reduzieren. Auch die Belastung durch Arbeits- zeit zählt hierzu: Der Leitfaden der Ar- beitsinspektion zur Evaluierung arbeits- bedingter psychischer Belastungen führt explizit den inadäquaten Wechsel zwi- schen Aktivitäts- und Erholungsphasen, mangelhafte Pausengestaltung, belasten- de Schichtpläne sowie ständig über- durchschnittlich hohe Arbeitszeiten als Gefahren an. Diese Punkte sollten künf- tig in einer Durchführungsverordnung zum Gesetz konkret abgebildet werden. Wichtig ist auch: Den Mechanis- men, die Beschäftigte in überlange Ar- beitszeiten bzw. die „freiwillige Selbst- ausbeutung“ treiben, wird noch zu we- nig Aufmerksamkeit geschenkt. Abneh- mende Solidarität und als „Hindernis“ betrachtete Schutzgesetze – als Resultate von indirekter Steuerung & Co – stellen neue Herausforderungen für Arbeitneh- merInneninteressenvertretungen dar und erfordern eine Auseinandersetzung mit dem ema. Kranke Arbeitszeiten machen letztlich kranke Menschen. Ar- beit darf uns nicht die Ressourcen für jene Bereiche rauben, die uns Menschen Sinn und Stabilität im Leben geben: Fa- milie, Freunde, Hobbys, Gesundheit und Zeit für uns selbst. Statistik Austria (2016): „Arbeitsorganisation und Arbeitszeitgestaltung“: tinyurl.com/yyt9pvoa AK-Strukturwandelbarometer 2018: tinyurl.com/y2tmfvs2 Arbeitsklima Index: www.arbeitsklimaindex.at Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin johanna.kloesch@akwien.at oder an die Redaktion aw@oegb.at Risiken von überlangen Arbeitszeiten 7–8 zu 11–12 Arbeitsstunden/Tag +100 Prozent Risiko Depression 35–40 zu 55+ Arbeitsstunden/Woche +98 Prozent Risiko Schlafstörungen 35–40 zu 55+ Arbeitsstunden/Woche +268 Prozent Risiko Einschlafstörungen 1 2 3 Quelle: BMASK