Wann wird dieser Unfallrechner Rea- lität sein? Recht bald, es gibt schon sehr viel For- schung dazu, und er ist methodisch schon sehr weit entwickelt. Ich nehme an, im Sommer oder spätestens Herbst werden wir damit arbeiten können. Es lässt sich dann berechnen, um wie viel höher die Unfallgefahr etwa nach drei Nachtschich- ten ist – wobei das dann immer auch in Relation zur Tätigkeit gesehen werden muss: Bauarbeiter haben natürlich andere Risiken als etwa Büroangestellte, für die bei Übermüdung das Unfallrisiko aber auf dem Heimweg auch höher sein kann. Mit unserer Methode können wir dann Arbeitszeitmodelle direkt vergleichen und ganz genau sagen: Das Modell eins hat 30 Prozent Unfallrisiko und Modell zwei 85 Prozent. Abgesehen von dieser Unfallgefahr und einer gesundheitlichen Kompo- nente, gibt es auch die soziale Kompo- nente. Nehmen wir das Beispiel einer Reinigungskraft, die in der Regel ge- nau dann arbeiten muss, wenn alle an- deren nicht arbeiten: zeitig in der Früh, abends oder am Samstag. Da sollte man sich bemühen, ihr trotzdem möglichst viel soziale Teilhabe zu er- möglichen. Gehen Sie vor Ort zu den Unternehmen oder findet das meiste am Computer im Büro statt? Das ist genau das, was ich an meiner Ar- beit so mag. Ich bin sehr viel unterwegs und lerne viele verschiedene Arbeitssitua- tionen kennen und Abläufe verstehen. Da holt mich dann der Chirurg in den OP, oder ich stehe in der Werkhalle im Metallwerk oder im Chemielabor oder bin bei der Altenpflege dabei. Nach diesen vielfältigen Eindrücken: Was ist Ihrer Einschätzung nach die aktuell größte Herausforderung? Es wird auch in Zukunft weiter darum gehen, die richtige Balance zu finden zwischen den Freiräumen für die Be- schäftigten und den betrieblichen Er- fordernissen. Und was auch jetzt schon spannend ist: Bei der Suche nach Fach- kräften wird Arbeitszeit immer mehr zum Thema. Wenn ein Arbeitgeber auf die Wünsche und Bedürfnisse von ge- eigneten Jobsuchenden eingehen kann, dann haben beide gewonnen. Wir glauben allerdings nicht an magische Ideallösungen, sondern das muss jedes Mal individuell erarbeitet werden. Wir versuchen, Methoden und Kennzahlen zu identizieren, wie Unternehmen klüger mit ihrer Zeit umgehen können; Time Intelligence lautet hier das Stichwort. Da braucht es neben Selbststeuerungsmechanis- men letztendlich auch Vorgesetzte, die darauf achten, was tatsächlich passiert. Gleitzeit von Montag bis Freitag ist an sich ja ein ideales Modell. Aber es gibt in fast jedem Unternehmen Beschäftigte, die auch innerhalb idea- ler Modelle zu überlangen Arbeitszei- ten tendieren. Wenn es sich dabei wo- möglich um langjährige Mitarbeite- rInnen handelt, dann können sie die Firmenkultur deutlich prägen. Das kann jüngere BewerberInnen, die we- niger arbeiten möchten, abschrecken. Hier sollte man gezielt und rechtzeitig gegensteuern. Und das Thema Arbeitszeitverkürzung? Das ist spannend. Wir sind gemeinsam mit der Arbeiterkammer an der Evaluie- rung dieses Projekts beteiligt. Es gibt im- mer mehr Firmen, die mit ihrer Arbeits- zeit werben. Bei enger werdenden Märk- ten ist das eine interessante Option für Unternehmen. Persönlich glaube ich, dass sehr viel davon abhängt, wie weit ein Unternehmen in der Lage ist, auf die Wünsche der Jobsuchenden und Beschäf- tigten zu reagieren. Wenn Jobsuchende zum Beispiel keine Kinderbetreuung nden können, dann sind sie auch nicht exibel, kön- nen gar nicht exibel sein. Viele Arbeit- geber sind prinzipiell bereit, auf die Wünsche und Bedürfnisse der Beschäf- tigten einzugehen. Wichtig ist immer das Gespräch. Der Ansatz: „Setzen wir uns zusammen und schauen wir, wie wir das alles unter einen Hut bringen kön- nen“, ist nicht immer einfach, aber es entstehen wesentlich bessere Lösungen als auf dem konfrontativen Weg. Wäre es nicht Zeit für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung? Ich kenne Versuche, wo auf betrieblicher Ebene mit 30- bis 35-Stunden-Wochen experimentiert wird. Das ist total span- nend, weil sehr schöne Modelle dabei herauskommen. Ein 33er-Modell ist nicht nur etwas besser als ein 38er-Mo- dell, der Unterschied ist einfach gewaltig. Es mag überraschen, dass dieser Un- terschied so viel ausmacht, aber hier gibt „Wenn man – Stichwort ‚Big Data‘ – Tausende von Arbeitszeiten anschauen kann, dann kann man auch Muster erkennen.“ Johannes Gärtner 20 Arbeit&Wirtschaft 2/2019