es einen regelrechten Kippeekt. Sobald die Menschen praktische Erfahrung mit kürzeren Arbeitszeiten gemacht haben, erscheint weniger Geld nicht mehr so abschreckend wie davor. Nicht zuletzt deshalb ist die Freizeitoption ja auch so erfolgreich. Was ist besser: Wochenstunden zu redu- zieren oder eine sechste Urlaubswoche? Die allgemeine arbeitswissenschaftliche Empfehlung lautet, Belastungsspitzen zu reduzieren beziehungsweise zeitnah einen entsprechenden Ausgleich zu ermögli- chen. Von daher spricht einiges für die allgemeine Arbeitszeitverkürzung. Ande- rerseits gibt es Menschen, denen es leich- ter fällt, komplett von der Arbeit wegzu- bleiben als den Arbeitstag zu verkürzen. Der Erholungseekt eines Urlaubs klingt relativ schnell ab. Wenn also die sechste Urlaubswoche dazu verwendet wird, den Sommerurlaub zu verlängern, dann bringt das für den Rest des Jahres nur wenig. Kurz gesagt, das Beste wären mehr freie Tage, vor allem nach Belas- tungsspitzen, das Zweitbeste verlängerte Wochenenden. Im Schichtbetrieb wäre es gut, nach den Arbeitszeiten längere Freizeitblöcke zu haben. Neben positiven Effekten auf die Ge- sundheit ermöglicht die Arbeitszeitver- kürzung Männern ja auch, sich mehr an der Kinderbetreuung zu beteiligen. Meine Frau und ich hatten bei beiden Kindern einen Schichtplan, das kann ich nur empfehlen. Wir haben beide weniger gearbeitet als vorher und alles genau ein- geteilt. So lässt sich auch vermeiden, dass man um drei Uhr in der Früh darüber diskutiert, wer jetzt aufsteht und sich um das weinende Kind kümmert. Ich emp- fehle das Männern auch schon deshalb, weil es dann Zeiten gibt, in denen sie nicht mehr das fünfte Rad am Wagen sind, in denen sie mit dem Kind zu zweit sind und damit eindeutig Bezugsperson. Gibt es einen Trend zum Weglassen der Mittagspause? Da habe ich leider wenig harte Daten. Meine persönliche Erfahrung ist, dass das kulturell sehr unterschiedlich gelebt wird. In Süddeutschland etwa sind Mittagspau- sen üblich, in Norddeutschland eher nicht. In Österreich haben wir eine relativ hohe Pausenkultur und gute Kantinen. Unsere Wirtshauskultur mit den Mittags- menüs gibt es in vielen Ländern nicht. Unter gesundheitlichen und sozialen Ge- sichtspunkten ist das eine gute Instituti- on. Aber es gibt auch zwischen den Or- ganisationen große Unterschiede. In manchen Unternehmen gehört es einfach dazu, die Mittagspause durchzuarbeiten. Themenwechsel zum 12-Stunden-Tag: Bedeutet das nicht zusätzliche Risiken für alle, die mit gesundheitsgefährden- den Arbeitsstoffen in Kontakt kommen? Wir haben generell eine sehr kritische Sicht auf den 12-Stunden-Tag. Wir mei- nen zwar nicht, dass die Welt untergeht, wenn jemand einmal zwölf Stunden ar- beitet, aber passiert das mehrere Tage hin- tereinander und womöglich sogar noch nachts, dann kann das sehr kritisch wer- den. Ich denke aber, dass Unternehmen auch wissen, dass 12-Stunden-Tage oft sehr lange und unproduktive Tage sind. Niemand kann zwölf Stunden lang ge- nauso arbeiten wie acht Stunden. Und was die gefährlichen Arbeits- stoe betrit: Das ist zwar nicht mein Spezialgebiet, aber zum 12-Stunden- Tag und den MAK-Werten (maximale Ar- beitsplatz-Konzentration, Anm.) gibt es meines Wissens kaum Studien bzw. überhaupt noch keine gesicherten Er- gebnisse. Das sollte man dringend nach- holen und ansonsten äußerst vorsichtig vorgehen. Man weiß ja, dass diese Stoe schädigen können, aber ob das bei zwölf Stunden etwas mehr ist oder ein Vielfa- ches, ist nicht klar. Bei den Krankenanstalten gibt es Dis- kussionen über Ruhezeiten nach Bereit- schaftsdiensten. Wie beurteilen Sie das? Prinzipiell unterscheiden wir zwischen Ar- beitsbereitschaft – da ist man vor Ort – und Rufbereitschaft, wo man bei Anruf nachts, aus dem Bett heraus, auf die Stra- ße muss. Die Frage ist immer: Wie halte ich die Arbeitsbelastung möglichst gering. Bei Rufbereitschaft etwa weiß man, dass diese Beschäftigten, auch wenn sie die gan- ze Nacht durchschlafen konnten, schlech- ter schlafen. Wenn der Schlaf tatsächlich gestört wurde, dann sollte dieser so bald wie möglich nachgeholt werden können. Im Alltag ist das oft eine Gratwande- rung, etwa bei Ärzten, deren OP-Plan für den nächsten Tag dann völlig durch- einanderkommen würde. Da stellt sich dann die Frage, was die größere Belas- tung ist: dass sämtliche Termine über den Haufen geworfen werden oder der Schlafmangel? Aber die jetzt diskutier- ten fünf Stunden Ruhezeit erscheinen mir eindeutig zu kurz. Die Frage ist na- türlich auch, wie oft das vorkommt. Vieles kann man durchaus schon einmal machen, aber wenn es laufend passiert, dann wird es ein Problem. Welche Arbeitszeitregelungen gibt es bei XIMES? Software-Entwicklung und Büro haben einen sehr großen Gleitzeitrahmen. Un- sere BeraterInnen machen sich die Ter- mine ja ohnehin mit den KundInnen aus. Generell gibt es nur wenige Termine, bei denen es mir ein Anliegen ist, dass jemand auch anwesend ist, zum Beispiel bei der Software-Besprechung. Ab und zu ma- chen wir ein Bürofrühstück, wo wir möchten, dass alle zusammenkommen. Ansonsten versuchen wir den Mitarbei- terinnen und Mitarbeitern so weit wie möglich entgegenzukommen, sowohl was das Arbeitsvolumen betrifft als auch den Ort. Ein Mitarbeiter, der mit einer Brasilianerin verheiratet ist, hat auch schon einmal einen Monat von Brasilien aus gearbeitet. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin afadler@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at „In Österreich haben wir eine relativ hohe Pausenkultur und gute Kantinen.“ Johannes Gärtner 21Arbeit&Wirtschaft 2/2019