28 Arbeit&Wirtschaft 2/2019 K ennen Sie den schon? Kommt ein Kellner zum Vorstellungsge- spräch in einen Gastronomiebe- trieb. Personalchef: „Wie viel Er- fahrung bringen Sie mit?“ Bewerber: „Ich habe 30 Jahre Erfahrung in der Branche.“ Personalchef: „Moment, Sie sind doch erst 25! Wie ist denn das möglich?“ Bewerber: „Überstunden.“ Was hier als Witz erzählt wird, ist für Beschäftigte im Hotel- und Gast gewerbe bitterer Arbeitsalltag. Und das nicht nur manchmal, sondern – besonders in der Hauptsaison – jeden Tag, denn in der Gastronomie gibt es kein „Heute wegen gestern geschlossen“, und Überstunden wurden schon vor Jahrzehnten von der Ausnahme zur Regel. Canan Aytekin ist Leiterin der Fachbereiche der Gewerkschaft vida. Zu ihren Aufgaben zählt auch die Be- treuung von Beschäftigten im Touris- mus. „Die Tourismusbranche trit das neue Arbeitszeitrecht besonders hart“, so Aytekin. „Und das, obwohl die Ar- beitsbedingungen auch bisher schon alles andere als ideal waren.“ Vorauseilender Gehorsam Doch anstatt die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten im Tourismus zu verbessern, setzt die Regierung auf eine andere Strategie. Mangelberufsliste lautet das politische Zauberwort. „Wir haben erneut den Fall, dass sich die Wirtschaft im Tourismus etwas wünscht und die Regierung in vorauseilendem Gehorsam wieder nach dieser Pfeife tanzt“, kriti- siert Berend Tusch, Vorsitzender des Fachbereichs Tourismus in der Gewerk- schaft vida. Im Kern der Kritik steht ihm zufolge die Tatsache, dass durch die Öff- nung des heimischen Arbeitsmarktes im Tourismus für Angehörige aus Drittstaa- ten dem Lohndumping der rote Teppich ausgerollt wird. „Es geht nicht darum, Fachkräfte zu lukrieren, was gesucht wird, sind Lohndrücker“, unterstreicht der vida-Gewerkschafter. Anstatt an langfristigen Verbesserungen der Ar- beitsbedingungen zu arbeiten, werden durch die Veränderung der Mangelbe- rufsliste „kurzfristig Personallücken ge- stopft“, so Tusch. Aus mehreren Umfragen geht her- vor: Beschäftigte der Branche bemän- geln vor allem das niedrige Einkom- men (derzeit liegt der Mindestlohn bei 1.500 Euro brutto), den hohen Druck und die Arbeitsbelastung, lange und unplanbare Arbeitszeiten sowie die schlechte Vereinbarkeit mit dem Privat- leben. Die Sonderauswertung des Ar- beitsklima Index Tourismus 2017 im Auftrag der AK Wien zeigt zudem, dass unter den von den Befragten genann- ten Belastungen vor allem die folgen- den vier genannt wurden: physischer Stress und Zeitstress, Isolation am Ar- beitsplatz, physische Belastungen und Innovationsstress. Und dann kam im September letz- ten Jahres zu den ohnehin schon schlechten Arbeitsbedingungen auch noch ein weiterer Rückschlag hinzu: die „Flexibilisierung“ im Arbeitszeitgesetz. Im Tourismus brachte der 12-Stunden- Tag einige Verschlechterungen. Nicht nur dass die gesetzlich zugelassene Höchstarbeitszeit auf 12 Stunden täg- lich bzw. 60 Stunden wöchentlich aus- gedehnt wird, was unterm Strich noch mehr Überstunden bedeutet. Darüber hinaus müssen Überstun- den nicht mehr gleich ausbezahlt wer- den, weil es nun möglich ist, Zeitsalden in den nächsten Durchrechnungszeit- raum mitzunehmen. Aytekin sieht dies besonders kritisch: Für viele Beschäftig- te im Tourismus ist der einzige Anreiz für die Überstundenerbringung deren nanzielle Abgeltung. Und genau die- ser Anreiz geht verloren, wenn „bei ei- nem mehrmaligen Übertrag in vielen Fällen die nanzielle Abgeltung weg- fällt“, so Aytekin. Kürzere Ruhezeiten Eine weitere Verschlechterung ergibt sich durch die Verkürzung der Ruhezei- ten. Diese betrugen laut Kollektivvertrag für ArbeiterInnen im Hotel- und Gast- gewerbe bisher 11 Stunden (oder im Ausnahmefall 10 Stunden). Eine zusätz- liche Verkürzung auf 8 Stunden Ruhe- zeit war zwar bisher laut Kollektivvertrag möglich, „jedoch mit der Einschränkung auf Saisonbetriebe, Vollzeitbeschäfti- gung und nur unter bestimmten Aufla- gen“, wie Aytekin betont. Diese Bedin- gungen fallen durch das neue Ruhezeit- gesetz weg, sodass die achtstündige Ru- hezeit bei geteilten Diensten zur Regel werden kann. Für die Arbeitsrechtsexpertin Canan Aytekin stellt sich im Besonderen eine Frage: „Wie soll man in acht Stunden Ruhezeit und bei geteilten Diensten Branche mit Triple-Ü Zwischen Überstunden, Überbelastung und Überdruss: Im Tourismus gehören überlange Arbeitszeiten ohnehin zum Alltag, nun gibt es weitere Verschlechterungen. Beatrix Mittermann Redakteurin des ÖGB-Verlags