43 D ie Arbeit hoch: So heißt das klas- sische Lied der österreichischen Arbeiterbewegung, das auf unzäh- ligen Kundgebungen gesungen wurde und wird. Genauso wie in früheren Zeiten ist es auch heute notwendig, auf die Bedeutung menschlicher Arbeit zu verwei- sen: für die eigene Sinnstiftung, für die Schaffung von Mehrwert und Produktivi- tät als Grundlage für ein gutes Leben aller. Beim Kult um die Bedeutung der Ar- beit in unserer Bewegung ist vielleicht manchmal der Gedanke zu kurz gekom- men, dass das Leben, wenn es ein gutes sein soll, nie die Arbeit allein ausmacht. Die freie Zeit ist es doch, die wir genie- ßen, die wir mit unseren Liebsten ver- bringen wollen – Zeit zum Spielen, auch zum Faulenzen, ja, und manchmal auch zum Ausschlafen –, die das Leben erst le- benswert macht. Neueste Studien und unsere Erfahrungen im Kontakt mit den Beschäftigten zeigen, dass insbesondere Jüngere zwar gerne und mit Leidenschaft eine gute Arbeit in einem guten Arbeits- klima verrichten. Gleichzeitig aber legen sie immer mehr Wert auf eine bewusste Gestaltung ihrer Freizeit. Überlange Ar- beitszeiten und eine Erreichbarkeit rund um die Uhr sind längst nicht mehr „in“. Man will freie Zeit genießen und dafür entsprechende Rahmenbedingungen ge- sichert haben. Gewerkschaften waren schon immer die wirksamste und erfolgreichste Bewe- gung, wenn es darum ging, menschen- würdige Arbeits- und Lebensbedingun- gen durchzusetzen. Der Kampf um den 8-Stunden-Tag stand am Beginn unserer Bewegung, und die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung war und ist immer ein xer Bestandteilt unserer Agenda. Was sich in letzter Zeit gewandelt hat, ist, dass es dabei um mehr geht als um eine lineare Verkürzung der wö- chentlichen Arbeitszeit. Vielmehr geht es um eine Gestaltung der Arbeitszeit, die ein Mehr an Selbstbestimmung ermög- licht, Beispiel: 4-Tage-Woche. Sie wurde etwa bei den jüngsten KV-Verhandlun- gen im Handel durchgesetzt und ermög- licht es den Beschäftigten, längere durch- gehende Freizeitblöcke zu genießen. Zuspruch für weniger Arbeitszeit Erste Erfahrungsberichte zeigen, dass dieses Modell sehr viel Zuspruch findet. Ein Beispiel dafür ist die Freizeitoption. Erstmals in der Elektroindustrie durch- gesetzt, kann bei diesem Modell eine Ist- Gehaltserhöhung in eine dauerhafte Ar- beitszeitverkürzung umgewandelt wer- den. Wichtig dabei ist, dass es sich um eine freiwillige Möglichkeit handelt. In- teressanterweise nehmen sehr viele junge Beschäftigte diese Option in Anspruch, was einmal mehr beweist, dass mehr Frei- zeit heute eine immense Bedeutung für die Beschäftigten hat. Und was macht die Regierung? Sie be- dient primär die Interessen der Großin- dustrie nach einer möglichst schrankenlo- sen Ausbeutung der Arbeitskraft durch die Ermöglichung überlanger Arbeitszei- ten von 60 dStunden pro Woche. Hätten wir als Gewerkschaftsbewegung nicht so massiv gegen dieses Gesetz angekämpft, so wäre sicher weder das Prinzip der Frei- willigkeit (auch wenn es ein zweifelhaftes Recht ist) in den Gesetzestext gekommen noch die Klarstellung, dass günstigere Re- gelung aus Betriebsvereinbarungen oder Kollektivverträgen nicht unterlaufen wer- den dürfen. Als Gewerkschaftsbewegung werden wir die Bemühungen für neue, innovative Arbeitszeitregeln, die den Bedürfnissen der Beschäftigten nach Selbstgestaltung gerecht werden, weiter intensivieren. Al- les über einen Kamm zu scheren, wie es die Regierung tut, ist in Sachen Arbeits- zeit jedenfalls der falsche Weg. Jede Bran- che, jede/r Beschäftigte/r in seinen oder ihren unterschiedlichen Lebensphasen hat unterschiedliche Bedürfnisse. Dort, wo wir Gestaltungsmacht haben, nämlich auf der Ebene der Kollektivverträge oder auch auf der betrieblichen Ebene, versu- chen wir weiterhin, das gemeinsam mit den BetriebsrätInnen umzusetzen. Leider fehlt uns derzeit auf der Regierungsebene ein Gegenüber, das gewillt ist, ein Herz für die sozialen Anliegen der Beschäftig- ten zu zeigen. Aber wir werden sicher nicht lockerlassen, denn mehr und plan- bare Freizeit ist für ein gutes Leben von entscheidender Bedeutung. Die Freizeit hoch! Nicht zuletzt von Barbara Teiber Bundesvorsitzende der GPA-djp© M ic ha el M az oh l / Ö GB -V er la g