26 Arbeit&Wirtschaft 3/2019 27Arbeit&Wirtschaft 3/2019 E in halbes Jahr nach Kriegsende, im Mai 1919, waren die Menschen im geschrumpften Österreich – vom heimgekehrten Soldaten bis zur Kriegerwitwe – vor allem damit beschäf- tigt, mit der neuen Situation zurechtzu- kommen: Lebensmittel waren knapp, viele suchten Arbeit und eine leistbare Wohnung. Der Schleichhandel blühte, die politische Situation war alles andere als stabil: Es gab immer wieder Demons- trationen und blutige Zusammenstöße politischer Gruppierungen. Arbeiter- und Soldatenräte So mancher Soldat hatte aus Russland kommunistische Ideen mitgebracht, und schon ab 1918 waren auch hierzulande Arbeiter- und Soldatenräte entstanden. So setzte etwa in der Mitterberger Kupfer AG in Salzburg der Arbeiterrat den Di- rektor ab und erklärte die Belegschaft zur Besitzerin des Betriebes. „Die Führung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) setzte ein Schiedsgericht ein und konnte so die Situation beruhigen“, weiß die Historikerin Brigitte Pellar. „Im Werk Donawitz der Österrei- chisch-Alpinen Montangesellschaft wie- derum löste eine Erhöhung von Lebens- mittelpreisen am 7. April 1919 eine Protestaktion aus. Die Belegschaft streikte, verjagte die Direktion und setz- te ein Direktorium ein, das aus zwei In- genieuren und je einem sozialdemokra- tischen und einem kommunistischen Arbeiter bestand. Dieses Management funktionierte anscheinend gut, denn während der dreitägigen Selbstverwal- tung wurde in allen Abteilungen gear- beitet. Das Experiment, dem sich auch die Bergarbeiter und Bergarbeiterinnen des Unternehmens anschlossen, wurde durch den örtlichen Arbeiterrat been- det. Er erklärte sich zur einzigen berech- tigten Instanz, um Streitigkeiten zwi- schen Belegschaft und Werksleitung zu schlichten.“ Unruhige Zeiten Vor allem in Wien kam es immer wieder zu größeren Demonstrationen, so zogen im März 1919 rund 10.000 Lehrlinge vor das Rathaus. Der Druck der Straße war deutlich spürbar, und die Regierung be- fürchtete eine Radikalisierung der Arbei- ter- und Soldatenräte. Unter diesen Um- ständen waren auch christlichsoziale Ab- geordnete bereit, Sozialreformen zuzu- stimmen. In Zusammenarbeit mit dem gut eingespielten und nach wie vor vor- handenen Beamtenapparat der Monar- chie entstanden damals gleich mehrere für ArbeitnehmerInnen entscheidende Gesetze. So wurde am 15. Mai 1919 das Betriebsrätegesetz verabschiedet. Aus den Vertrauensmännern und -frauen, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts haupt- sächlich in Fabriken für die Interessen der ArbeiterInnen eingesetzt hatten, wurden BetriebsrätInnen. Vorgesehen war ein dreiköpfiger Betriebsrat für alle Betriebe mit mindestens 20 Beschäftigten, um die „wirtschaftlichen, sozialen und kulturel- len Interessen der Arbeiter und Angestell- ten wahrzunehmen und zu fördern“. Auch die Kooperation mit den Gewerk- schaften wurde im Gesetz erwähnt. Verbesserungen im Arbeitsrecht Mit dem Arbeiterurlaubsgesetz erhielten auch ArbeiterInnen das Recht auf bezahl- ten Urlaub. Ein weiteres Gesetz beschäf- tigte sich mit der Arbeitszeit: Es sah den achtstündigen Normalarbeitstag mit der Möglichkeit einer Höchstarbeitszeit von 10 Stunden an 30 Tagen im Jahr vor. Und im Dezember 1919 wurde das Gesetz über Einigungsämter verabschie- det, das man auch als „erstes Kollektiv- vertragsgesetz“ bezeichnen könnte. Das Amt war mit VertreterInnen der Ar- beitsmarktparteien paritätisch zusam- mengesetzt und diente auch als Schlich- tungsstelle bei „Streitigkeiten aus dem Arbeitsverhältnis“. Historikerin Brigitte Pellar: „Die ersten Betriebsräte mussten sehr oft vor das Einigungsamt gehen, da die Unternehmen immer wieder ver- suchten, die Kollektivverträge zu unter- laufen. Ihnen standen dabei keine Rechtsanwälte als professionelle Berater zur Verfügung, sie mussten ihre Anlie- gen selbst vorbringen und verteidigen.“ Johann Swatschina, damals junger Betriebsratsvorsitzender und gewerk- schaftlicher Vertrauensmann der Hohe- nauer Zuckerfabrik, erinnerte sich 1972 als Zeitzeuge an diese Kämpfe: „Nach 1919 gab es öfters Auseinandersetzun- gen über die Auslegung des Kollektiv- vertrags, sodass wir bis zum Einigungs- amt gehen mussten. Wir hatten auch Erfolg, trotzdem ihr Vertreter ein Rechtsanwalt war und wir nur die Volksschule besucht hatten …“ Im Winter 1919 standen Betriebsrä- tInnen zusätzlich noch vor ganz anderen Herausforderungen: Nicht nur Lebens- mittel waren knapp, es gab auch kaum Kohle zum Heizen. Zum Teil versuch- ten sie gemeinsam mit Arbeiterkonsum- genossenschaften, das Nötigste für die hungernden und frierenden Beschäftig- ten zu besorgen. In der Zwischenkriegszeit kam es nicht nur in den Fabriken und seitens der ArbeiterInnen zu Arbeitskämpfen. 1924 etwa endete der Streik von 30.000 Bankbeamten nach 20 Tagen erfolgreich für die Gewerkschaft. Später wurde (ver- geblich) versucht, den Streikenden die Schuld am ersten großen Bankensterben zuzuschieben. Nach langer Zwangspause während der NS-Herrschaft wurden unmittelbar nach Kriegsende in den Betrieben spon- tan BetriebsrätInnen gewählt, die sich meist aus den Mitgliedern ehemaliger Widerstandsgruppen zusammensetzten. Nicht wenige waren gemeinsam inhaf- tiert bzw. im KZ gewesen. 1947 wurde das Betriebsrätegesetz mit mehreren Verbesserungen neu beschlossen: Ein Zentralbetriebsrat wurde eingeführt so- wie die Möglichkeit, Betriebsversamm- lungen abzuhalten. Schutzbestimmun- gen für BetriebsrätInnen wurden ausge- baut, ab 200 Beschäftigten waren freige- stellte BetriebsrätInnen vorgesehen. Maria Metzger, von 1949 bis 1955 Betriebsrätin in einer Handelsfirma, er- zählt von Solidarität unter den Kolle- gInnen: „Anfang der 50er-Jahre gab es eine Demonstration der Handelsange- stellten gegen die Verschlechterung der Ladenschlussbestimmungen. Und ich konnte erreichen, dass meine Kollegen hundertprozentig mitgingen, obwohl wir bei uns längst am Samstagvormittag freihatten.“ Altbekannte Probleme Anfang der 1960er-Jahre setzte der Sie- geszug der Lebensmittel- und Kaufhaus- ketten ein. Die Probleme der Handels- angestellten änderten sich dadurch nicht viel: Ladenschlusszeiten, Streit um Fei- ertagsöffnung und familienfeindliche Arbeitszeiten. Emmi Scharnsteiner ar- beitete von 1957 bis 1966 in einem Kaufhaus in Wien-Favoriten. Das Pro- blem längerer Pausen zwischen den Ar- beitseinheiten gab es auch damals: „Die Mittagspause dauerte viel länger, als ich zum Essen brauchte. Mittagessen gab es in der Werksküche im Keller des Ge- bäudes. Danach ging ich meist in die hauseigene Schneiderei. Denn ich näh- te fast die gesamte Kleidung für meine beiden kleinen Töchter selbst. So konn- te ich wenigstens die Zeit nützen. Mei- nen freien Tag verwendete ich für Haus- arbeiten und zum Einkaufen, denn abends gelang es mir nur manchmal, beim Mini-Markt ums Eck schnell noch unter dem halb geschlossenen Rollbal- ken durchzuschlüpfen, um Milch und Brot zu kaufen.“ Mit dem Arbeitsverfassungsgesetz, das im Juli 1974 in Kraft trat, wurden die einzelnen Gesetze zur Regelung des Arbeitsrechts (BR-Gesetz, KV-Gesetz etc.) zusammengefasst. Es gab auch ei- nige Neuerungen, etwa die Drittel-Be- teiligung der BetriebsrätInnen an Auf- sichtsräten, das Einspruchsrecht gegen wirtschaftliche Maßnahmen oder die Etablierung der Jugendvertrauensrä- tInnen. Natürlich wurde das Gesetz in der Zwischenzeit mehrmals novelliert, unter anderem 1987 unter Sozialmi- nister Alfred Dallinger. Gleiche Themen Selbst wenn sich die Arbeitswelt in den vergangenen 100 Jahren verändert hat, im Wesentlichen sind die Themen der Betriebsratstätigkeit die gleichen geblie- ben: gerechte Entlohnung, Arbeitszeitre- gelungen, humane Arbeitsbedingungen und Ähnliches. Besonders anschaulich lassen sich die Fortschritte beim Arbeit- nehmerInnenschutz darstellen. So ver- zeichnete die AUVA 1985 beispielsweise 289 tödliche Arbeitsunfälle (ohne Weg- unfälle), im Jahr 2017 waren es „nur“ noch 76. Auch Berufskrankheiten und Arbeitsunfälle insgesamt sind in den ver- gangenen Jahrzehnten kontinuierlich zu- rückgegangen, was vor allem auf das po- sitive Zusammenwirken von Arbeitsins- pektoraten, AUVA, Gewerkschaften und BetriebsrätInnen bzw. Beauftragten vor Ort zurückzuführen war. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin afadler@aon.at oder an die Redaktion aw@oegb.at Astrid Fadler Freie Journalistin Kämpfe im Wandel Im Jahr 1919 hat Österreich als erster demokratischer Staat den Betriebsrat eingeführt. Ein Streifzug durch 100 Jahre Geschichte. © A rc hi v de r G ew er ks ch af t P RO -G E/ AN G- Ar ch iv. Gewerkschaftlich organisierte ZuckerarbeiterInnen nach 1920.