KOMMENTAR Zur Kapitalismus- kritik und Kapitalismus¬ überwindung Eine Antwort an F. Lacina und Th. Prager1 Ota Sik Es sei mir erlaubt, zu dem Kommen¬ tar von F. Lacina und Th. Präger in »Wirtschaft und Gesellschaft«, betref¬ fend meinen Artikel »Zur Konvergenz¬ problematik«2 Stellung zu nehmen. Die beiden Autoren beziehen sich nur auf diesen Artikel, obzwar es ihnen um eine grundsätzliche Differenzierung nicht nur von meiner Analyse der ka¬ pitalistischen Ökonomik, sondern, vor allem im zweiten Teil des Kommen¬ tars, von meinen Vorstellungen über Systemreformen geht. Zuerst nun zu den Argumenten be¬ treffend die kapitalistische ökonomi¬ sche Entwicklung. Wenn ich in dem erwähnten Artikel von einem relativen Kapitalüberfluß spreche, dann im Sinne eines eingetre¬ tenen, langfristig sich durchsetzenden neuen Verhältnisses vom Kapital zu dem Angebot an Arbeitskräften in in¬ dustriell hoch entwickelten kapitalisti¬ schen Ländern. Es igeht mir also nicht um jene — im Kapitalismus periodisch auftretenden — Situationen, in wel¬ chen produktives Kapital als auch Geldkapital zum Teil überflüssig, un¬ genutzt liegen, weil der Markt, also die Absatzmöglichkeiten, vorübergehend hinter den Produktionspotenzen zu¬ rückgeblieben sind. Es geht hingegen um die Entstehung einer so mächtigen kapitalistischen Produktionsbasis, bei welcher — trotz weiterhin wachsen¬ der technischer Zusammensetzung des Kapitals3 — der Umfang des gesamten variablen Kapitals schneller wächst als die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte. Mit dieser kapitalisti¬ schen Entwicklung wurde Marxens aus der Akkumulation des Kapitals ge¬ zogene Schlußfolgerung widerlegt, ge¬ mäß welcher die Arbeiterklasse gesetz¬ mäßig schneller wachsen würde als das sie beschäftigende variable Kapi¬ tal, und es daher mit dem Wachstum des gesamten Kapitals auch zu einem Wachstum der industriellen Reserve¬ armee kommen werde.4 Durch die Entstehung einer so aus¬ gedehnten kapitalistischen Produktion wurde auch das variable Kapital der¬ art erweitert, daß die Nachfrage nach Arbeitskräften in industriell hoch ent¬ wickelten Ländern während einer re¬ lativ langen Nachkriegsperiode schnel¬ ler wuchs als das heimische Angebot an Arbeitskräften. Auch wenn die zyklische Entwicklung der kapitalisti¬ schen Produktion nicht überwunden wurde und diese ein inhärenter Be¬ standteil des kapitalistischen Systems ist, was ich in meinen Arbeiten immer wieder betone,5 hat sich dennoch die Entwicklung der industriellen Reserve¬ armee wesentlich geändert. Nur wäh¬ rend der Nachkriegsrezessionen ent¬ stand jeweils ein relativ kleines Über¬ angebot an Arbeitskräften, während in den Konjunkturperioden die Nachfrage größer war als das Angebot. Dies ist ein wesentlicher neuer Faktor gegen¬ über der früheren kapitalistischen Ent- 83