DerVollbeschäftigungs¬ saldo als Instrument zur Beurteilung der konjunk¬ turellen Wirkung der Budgetpolitik des Bundes Alois Guger 1. Einleitung* Die öffentliche Finanzwirtschaft hat heute neben ihren klassischen Auf¬ gaben, der Versorgung mit öffentlichen Gütern und der Einflußnahme auf die Einkommensverteilung, auch im Bereich der Stabilisierungspolitik besondere Bedeutung erlangt. Nach G. Myrdals1 Konzept der antizyklischen Budgetpolitik aus den dreißiger Jahren, das heute, begünstigt durch den Einfluß des Keynes- schen Gedankengutes, einen Grundsatz der »kompensatorischen Finanz¬ politik« darstellt, sollen die Budgets der öffentlichen Haushalte in der Hochkonjunktur durch Uberschüsse dem Wirtschaftskreislauf Nachfrage entziehen und in depressiven Zeiten durch Defizite die gesamtwirtschaft¬ liche Nachfrage stärken; langfristig sei aber ein ausgeglichener Saldo anzustreben. Die konjunkturelle Angemessenheit der Budgetpolitik des Bundes bildet nun immer wieder einen umstrittenen wirtschaftspolitischen Diskussionsgegenstand und wird in Österreich vor allem durch einen Vergleich der tatsächlich ausgewiesenen bzw. inlandswirksamen Budget¬ salden mit einem Konjunkturindikator beurteilt. Diese Methode ist aber als Maß der konjunkturellen Wirkung der Budgetpolitik sehr umstritten: Erstens ist — wie bereits G. Myrdal sah und unter dem Titel »Haavelmo- Theorem«2 oder »balanced budget multiplier« aus den Lehrbüchern hin¬ länglich bekannt ist — der expansive Effekt eines Schillings, den der Staat ausgibt, stärker als die kontraktive Wirkung einer gleich hohen Steuereinnahme, so daß ein Saldo von Null noch kein konjunkturneutrales * Ich bin dem »Dr. Adolf Schärf-Fonds zur Förderung der Wissenschaften« für die finanzielle Unterstützung dieser Arbeit zu Dank verpflichtet. 341