Eine Zeitlang hatte es den Anschein, als ob die Formel für ein neues Muster des gesellschaftlichen Fortschritts bereits gefunden wäre: „Qualitatives Wachstum" bürgerte sich erstaunlich schnell als politi¬ scher Schlüsselbegriff für eine neue Zielkonzeption der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ein, die die positi¬ ven Inhalte des alten Wachstums — Vermehrung des materiellen Wohlstandes dort, wo dies noch sinnvoll und möglich sein würde — mit den neuen Zielsetzun¬ gen bezüglich Umwelt, Arbeitswelt etc. zu kombinieren trachtete. Verkürzend ausgedrückt lief diese Strategie darauf hinaus, dem Wirtschaftswachstum Zügel anzu¬ legen. Daß sich so viele so rasch des Begriffes „Qualitatives Wachstum" bedienten, täuschte jedoch mehr Konsens vor als tatsächlich dahinter steckte. War er für manche der Ausdruck eines echten Neuansatzes, so gebrauchten ihn nicht wenige dazu, um alten Wein in neuen Schläuchen anzubieten und es mit äußerlichen und oft nebensächlichen Retuschen am traditionellen Konzept genug sein zu lassen. Das Konzept des „qualitativen Wachstums" ist — allen gleichzeitig erhobenen Partizipationsforderungen zum Trotz — von seiner Komplexität her zumindest ebenso technokratisch wie das traditionelle Wachstumskonzept. Die „Sozialindikatorenbewegung" ist wohl von anderen Schichten und Interessen getragen als die Wachstums¬ ideologie, aber ähnlich wie diese eine Angelegenheit der Fachleute. Qualitatives Wachstum ernst genommen implizierte wohl in wesentlicher Hinsicht eine Umorientierung der wirtschaftspolitischen Grundkonzeption, jedoch nicht notwendigerweise einen allzu schroffen Bruch mit der Vergangenheit. Es ließ eine Brücke zum Einbringen jener technokratisch-optimistischen Grundhaltung, die die sechziger Jahre geprägt hatte, bestehen. Die Konti¬ nuität bestand u. a. darin, daß qualitatives Wachstum ebenso wie das traditionelle Wirtschaftswachstum politi¬ sche Steuerung von Strukturparametern erforderte, dies in vermehrtem Ausmaß und angereichert um neue Zieldimensionen. Dann kam die internationale Rezession 1974/75 und entzog dieser optimistischen Variante des qualitativen Wachstums eine wesentliche Voraussetzung — nämlich jenes zur Unbändigkeit tendierende Wachstum, das gezähmt werden sollte. Die Vollbeschäftigung, das langsam zur Selbstverständlichkeit gewordene Neben- 266