Natürlich könnte nun das Spiel mit Symbolen und Zahlen fortgesetzt und versucht werden, durch Spalten-, Zeilen- und sonstige Summen einzelnen Theorien Stagflationsverträglichkeitsindizes zuzuordnen. Dies soll bewußt nicht getan werden, weil eine derartige ,Benotung' von Theorien wohl nur den einen .Zweck' haben könnte, Mißverständ¬ nis und Mißbrauch zu provozieren. Demgegenüber sollen einige Kommentare zur Verträglichkeitsanalyse und ihren Ergebnissen abge¬ geben werden, die gerade Mißverständnisse vermeiden helfen sollen. — In dieser Verträglichkeitsanalyse wurde nur geprüft, inwieweit bestimmte bekannte Theorien in einem sehr strengen, zu Beginn dieses Kapitels genau angegebenen, rein logischen Sinn den Tatbe¬ stand Stagflation ,erklären' können. — Es wurde nicht geprüft, ob diese Erklärungen' richtige oder falsche Erklärungen sind. Dazu ein Beispiel: Wenn jemand der Meinung ist, daß die monetaristische Erklärung für Arbeitslosigkeit oder Infla¬ tion falsch ist, dann ist auch die monetaristische Erklärung für Stagflation falsch; dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß die monetaristische Theorie Stagflation logisch gut .erklärt'. — Es wurde nicht geprüft, ob die Erklärungen' trivial oder nicht trivial sind. Dazu ebenfalls ein Beispiel: Die monetaristische Theorie .erklärt' Stagflation, weil nach ihr Arbeitslosigkeit auf einem konstanten „natürlichen" Niveau verharrt und somit Inflation immer auch Stagflation ist. Diese .Erklärung' ist trivial, weil sie darin besteht, Arbeitslosigkeit nicht zu erklären, sondern als „natürlich" und unveränderlich anzusehen. In ähnlicher Weise ist die .Unverträglichkeit' der vorkeynesianischen Gleichgewichts¬ theorie trivial: Die vorkeynesianische Gleichgewichtstheorie ist .unverträglich' mit Stagflation, weil sie schon mit Arbeitslosigkeit .unverträglich' ist. So haben also der ,gute Erklärungsgrad' der monetaristischen Theorie für Stagflation und der ,hohe Unverträg¬ lichkeitsgrad' der vorkeynesianischen Gleichgewichtstheorie diesel¬ be Ursache: Nichterklärung des Tatbestandes Arbeitslosigkeit. — Geht man (die eben gemachten Bemerkungen immer deutlich mitdenkend) die großen Theoriegebäude der Ökonomie durch, so ergibt sich folgendes Bild. Die monetaristische Theorie kann in ihrer .strengen' Version .milde' Stagflation erklären. Die Erklärung ist allerdings trivial im oben ausgeführten Sinn. In ihrer .short run' Version kann sie Stagflation nicht erklären. Dies gilt unabhängig davon, ob auf nationales oder internationales Geldangebot rekurriert wird. Für die Neue MikroÖkonomie gilt dasselbe wie für die monetaristi¬ sche Theorie. Die lehrbuchkeynesianische Theorie (keynesianische Unterbeschäf¬ tigungstheorie + lehrbuchkeynesianische Inflationstheorie) kann Stagflation nicht erklären. Die neokeynesianische Theorie (keynesianische Unterbeschäfti¬ gungstheorie + neokeynesianische Inflationstheorie) kann Stagfla- 292