darüber klar sein, daß jede „Schätzung" eines mittelfristigen Wachstumstrends in beträchtlichem Maße die jeweilige Lage und Stimmung zum Zeitpunkt, in dem diese Schätzung gemacht wird, widerspiegelt. Diese ist derzeit zumindest nach bisherigen Maßstäben sehr ungünstig. Die Jahre 1979 bis 1982 erbringen im Durchschnitt ein Wachstum von bestenfalls 2,5 Prozent, wobei 1981 und 1982 mit optimisti¬ schen Werten - den letztverfügbaren Schätzungen bzw. Pro¬ gnosen - eingesetzt sind. Von den nach wie vor düsteren kurzfristigen Konjunkturaussichten wäre eher der Schluß abzuleiten, daß 2 Prozent Wachstum bis 1986 keine allzu pessimistische Annahme bildet. Das würde bedeuten, daß wir uns mittelfristig unter jenem Wachstumspfad befinden, den der Beirat vor zwei Jahren noch als untere Grenze gewählt und als weniger wahrscheinlich angesehen hat. Ver¬ schiedene Erfahrungen sprechen dafür, bei Überlegungen zu einer gesamtwirtschaftlichen Strategie von einer vorsichtigen Wachstumsannahme auszugehen, wenn man „auf der siche¬ ren Seite" liegen will. Der jetzige Präsident der Deutschen Bundesbank und damalige Staatssekretär Pohl hatte 1977 in einem Interview vor übertriebenem Arbeitsmarktpessimis¬ mus gewarnt und von der Möglichkeit gesprochen, daß sehr schnell wieder eine völlige Umkehr der Lage, d. h. Knappheit an Arbeitskräften, eintreten könne, wenn der Aufschwung da sei1. Seit 1975 hatten wir durchaus Aufschwünge, ohne daß die Arbeitslosigkeit insgesamt fühlbar zurückgegangen wäre. Wie leichtfertig oder berechtigt derartige Aussagen waren, man sollte sich daher bis auf weiteres abgewöhnen, auf „den" Aufschwung als rettendes Ereignis zu spekulieren. Die Wahr¬ scheinlichkeit, daß der Aufschwung zu schwach ausfallen wird, ist zu groß, als daß man Versäumnisse im Nachhinein mit einer unerwartet schlechten Konjunkturentwicklung wird begründen können. Wichtig im Rahmen einer mittelfri¬ stigen Betrachtung ist ferner der demographisch bedingte Umstand, daß der Druck von der Angebotsseite, der eine gravierende Verschärfung des Beschäftigungsproblems mit sich bringt, in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre nachlas¬ sen wird. Von 1981 bis 1986 steigt das Arbeitskräfteangebot (Erwerbstätige insgesamt) um 100.000 von 1986 bis 1991 nur noch um etwa 40.000. Aus den demographischen Prognosen sollte natürlich nicht der Schluß gezogen werden, daß sich exakt jener Punkt bezeichnen ließe, auf dem man „über den Berg" ist. Aber für das Durchstehen einer schwierigen Lage ist es jedenfalls von Vorteil, vor Augen zu haben, daß und wann ungefähr das Ende des starken Anwachsens des Arbeitskräfteangebots absehbar ist. Wenn wir diese Perspektiven als Rahmenbedingungen akzeptieren, was sind die wirtschaftspolitischen Optionen? 4