Werten: auf ein Produkt muß weniger Arbeit aufgewandt werden. Die moderne Volkseinkommensrechnung versucht den steigenden Wohl¬ stand über die Summe der steigenden Individualeinkommen zu erfas¬ sen. Der darin verwendete Begriff „Volk", „Nation" oder einfach „Inland" ist nichts anderes als die Summe der darin erfaßten Indivi¬ duen. Die Ganzheit existiert nicht. Für Marx, in seinem Interesse an langfristigen historischen Entwicklungen, bedeutet das Sinken der Werte der Waren einen gesellschaftlichen Fortschritt, unabhängig davon, ob irgendjemand reicher geworden ist. Dabei wird die Gesell¬ schaft als Ganzheit gesehen. Auch außerhalb der Marxschen Ökonomie verwendet man für langfristige Wohlstandsvergleiche oft die notwen¬ dige Arbeitszeit, die zur Erlangung eines bestimmten Gutes notwendig ist: etwa wieviel Stunden Arbeit ein Kühlschrank, ein Auto oder 1 kg Brot kostet11. Nur solche langfristigen Fragen waren für Marx von Interesse. Mit Hilfe der Volkseinkommensrechnung wird eher versucht, konjunktu¬ relle Bewegungen zu erfassen, in denen potentieller Reichtum von effektivem Reichtum abweichen kann. Diese Probleme waren für Marx von untergeordneter Bedeutung. Obwohl er die Krisen im Kapitalismus als genuin kapitalistische begriff, war die systematische Erfassung von Krisen auf einen späteren Band des theoretischen Hauptwerkes ver¬ schoben worden. Zuerst sollte die langfristige Bewegung des Kapitalis¬ mus behandelt werden, unabhängig davon, ob der potentielle Reichtum der Gesellschaft auch realisiert wird. Die steigende Produktivität, die technischem Fortschritt geschuldet war, bleibt auch in der größten Krise als technisches Wissen vorhanden. Aus diesem Grund ist die Entwicklung der Angebotspreise zentrales Problem bei Marx. 1.3 Aber wozu benötigt man dabei Arbeitswerte? Genügt es nicht mit kostenabhängigen Angebotspreisen zu argumentieren? Sobald man eine kapitalistische Wirtschaft betrachtet, in der nicht Waren als Pro¬ dukte von Arbeit, sondern Waren als Produkte von Kapital am Markt einander gleichgesetzt werden, können relative Preise und Arbeits¬ werte nur mehr noch unter eingeschränkten Bedingungen zusammen¬ fallen. (Identische organische Zusammensetzung in allen Sektoren, keine Kuppelproduktion). Marx war sich dieses Problems bewußt und sah, daß relative Preise nicht den eingesetzten Arbeitswerten entspre¬ chen können, behauptete aber, daß dies nur eine geringfügige Modifika¬ tion ergebe und an den Grundsätzen der Werttheorie nichts ändere. Das dies nicht stimmt, soll als bekannt vorausgesetzt werden, ebenso, daß relative kostenorientierte Preise ohne Rekurs auf Arbeitswerte und ohne auf einen Begriff von Ausbeutung zu verzichten, bestimmt werden können (Steedman). Marx hat sich hier nicht einfach geirrt, sondern wollte ein spezifisches Problem behandeln, das eng mit der Erfassung von gesellschaftlicher Produktivität zusammenhängt. Dabei kommt die doppelte Bedeutung des Begriffes „Gesellschaft" bei Marx voll zu tragen. Zunächst ist Gesellschaft die Gesellschaft der 14