3. Ausbeutung und Akkumulation 3.1 Berühmt und berüchtigt ist Marx in erster Linie für seine Theorie der Ausbeutung. Sie steht im Mittelpunkt der meisten direkten polemischen Auseinandersetzungen um Marx, aber oft uneingestande- nermaßen auch hinter vielen Auseinandersetzungen mit anderen Aspekten der Theorie: Wer irgendein Stückchen der Marxschen Theo¬ rie widerlegt, scheint Ausbeutung widerlegt zu haben; und wer den Marx-Kritiker bei einem Fehler ertappt hat, hat die Existenz von Ausbeutung bestätigt und damit die Notwendigkeit einer radikalen Änderung der Gesellschaft. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, daß Marx von sich niemals behauptet hat, die Existenz von Klassen entdeckt oder als erster Ausbeutung formuliert zu haben. Die Existenz von Profiten war immer eine Selbstverständlichkeit, und nur die Ökonomen des deutschen Sprachraums sind angesichts der Marxschen Theorie derart erschrok- ken, daß sie das Wort „Profit" aus ihrem Sprachschatz gestrichen haben22. Marx bezeichnet das Mehrprodukt, also jenes Produkt das den Arbeitern nicht unmittelbar zufällt, als Ausbeutung, sofern andere darüber in ihrem privaten Interesse verfügen können. Das hat zunächst nichts mit der Arbeitswerttheorie zu tun und auch nichts mit der Tatsache des Elends der Arbeiter. Ausbeutung kann daher nicht widerlegt werden, etwa durch die Grenzproduktivitätstheorie: auch in dieser gibt es ein Mehrprodukt, das zu einem bestimmten Zeitpunkt mit spezifischer Technologie von den Arbeitern erzeugt wird, diesen aber nicht zufällt223. Nur im Vergleich zu alternativen Technologien und Kapitalgütermengen kann ein Begriff von „Produktivität des Kapitals" gewonnen werden. Oder in der Theorie der Physiokraten: Dort wird zwar angeführt, daß der von Quesnay selbst als unproduktiv bezeichne¬ ten Klasse ein Drittel des Produktes zufällt, ohne daß deswegen von Ausbeutung gesprochen wird. Die Aristokratie und der Staat waren eben berechtigt, dieses Mehrprodukt einzustreifen23. Ausbeutung ist auch als wissenschaftlicher Begriff bei Marx, zunächst nichts anderes als eine wertende Bezeichnung für das Mehrprodukt, sofern es Wirt¬ schaftssubjekten zur privaten Verfügung zufällt. Es muß dabei bedacht werden, daß die polemische Spitze der Theorie des Mehrwerts und des Begriffs Ausbeutung nicht nur gegen die „bürgerliche" Ökonomie gerichtet war, sondern auch gegen jene Vor¬ stellungen und Theorien, die das Elend der Arbeiter als einen Betrug an ihnen auffaßten. Marx griff mit seiner Theorie des Mehrwerts vehement sozialistische Utopien an: weder eine Reform des politischen Systems - etwa durch eine Wahlrechtsreform, noch ein Unterlaufen des Kapitalis¬ mus durch Genossenschaften seien geeignet, Ausbeutung aufzuheben. Ausbeutung soll als ökonomisches Phänomen erklärt werden. Nicht eine politisch vorgegebene soziale Stellung ermöglicht es einem Teil der Bevölkerung von der Arbeit der anderen zu leben, wie das bei Quesnay der Fall ist, sondern eine Theorie, die vom sozialen Handeln am Markt 27