3.3 Indem der Kapitalist die Produktion organisiert und durch ständige Änderungen des Produktionsprozesses seinen Profit erhöhen will, läßt er gesellschaftlichen Reichtum produzieren. Genau darin liegt für Marx die Fortschrittlichkeit des Kapitalismus. Da das Mehrprodukt, im Kapitalismus also der Mehrwert, eine Voraussetzung für Akkumula¬ tion und technischen Fortschritt ist, ist Ausbeutung im Kapitalismus eine Voraussetzung für die Erhöhung des gesellschaftlichen Reichtums. Für Marx muß der Kapitalist nicht vor Sittlichkeit triefen, wie in manchen Facetten der Neoklassik: der Profit ist nicht der Ertrag für den Aufschub des Konsums. Weil die Kapitalisten über das gesellschaftliche Kapital verfügen und die Arbeiter zur Arbeit zwingen, bedarf es keiner individuellen Motive zur Akkumulation. Die Kapitalisten dürfen zwar nicht beliebig konsu¬ mieren, aber sie sind, gemessen an den Arbeitern, so reich, daß ihr Sparen nicht als Verzicht erscheint. Der Kapitalist kann durchaus ein Bösewicht sein, der schon jetzt gerne konsumiert. Entscheidend für die Akkumulation und damit für den Fortschritt ist die Frage, ob er sich der Mühe des Ausbeutens unterzieht. Der Kapitalist bei Marx sorgt für langsam steigenden Wohlstand, indem er möglichst viel akkumuliert, und das heißt bei Marx, die Arbeiter möglichst effizient ausbeutet. Die Kapitalisten schaffen so die Möglichkeit einer freien Gesellschaft, die doch keine Freiheit in Armut sein soll. Dies erklärt das im Grunde genommen zynische Verhältnis von Marx zur Ausbeutung. „Der Kapitalist als Repräsentant des in seinem Verwertungsprozeß begriffenen - des produktiven Kapitals - verrichtet eine produktive Funktion, die gerade darin besteht, produktive Arbeit zu dirigieren und zu exploitieren. Im Gegensatz gegen Mitzehrer der Surplusvalue, die in keinem solchen unmittelbaren und tätigen Verhältnis zu ihrer Produktion stehen, ist seine Klasse die produktive Klasse par excel- lence." (Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses p. 74) Er beklagt die Ausbeutung und ihre Auswirkungen, er bekämpft sie, aber stellt immer wieder die historische Notwendigkeit des Kapitalis¬ mus fest27. „Nur soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, hat er einen historischen Wert und jenes historische Existenzrecht... Nur soweit steckt seine eigne transitorische Notwendigkeit in der transitorischen Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Aber soweit sind auch nicht Gebrauchswert und Genuß, sondern Tauschwert und dessen Vermehrung sein treibendes Motiv. Als Fanatiker der Verwer¬ tung des Werts zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produk¬ tion um der Produktion willen, daher zu einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiel¬ len Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsform bilden können, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist. Nur als Personifi- 32