BÜCHER DIE GROSSE WENDE Rezension von: Eduard März, Österreichische Bankpolitik in der Zeit der großenWende 1913-1923: Am Beispiel der Creditanstalt für Handel und Gewerbe, Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1981 Die „große Wende", wie Professor März die Zeit zwischen 1913 und 1923 nennt, war ein Jahrzehnt der Krisen für Österreichs Gesellschaft. Die im- peralistische Aufrüstung führte in das Massengrab eines verlorenen Krieges; der Auflösung der Monarchie folgte nicht eine „österreichische Revolu¬ tion", sondern nach Jahren gewalttäti¬ ger Auseinandersetzungen der autori¬ täre Ständestaat. Auch die wirtschaft¬ liche Entwicklung dieser Periode läßt sich als Geschichte unbewältigter Pro¬ bleme auffassen: Die Hochkonjunktur der Vorkriegsjahre überschattete eine zunehmende Staatsverschuldung und Passivierung der Zahlungsbilanz. Die Kriegswirtschaft beraubte schließlich zahlreiche Betriebe ihrer Produktiv¬ kräfte. Der „Entgüterung" folgte ein sich beschleunigender Preisauftrieb, der in eine galoppierende Inflation mündete, die selbst die Erfahrungen der napoleonischen Kriege übertraf. Die daraufhin notwendige Währungs¬ stabilisierung erkaufte der Staat mit der Verarmung hunderttausender Fa¬ milien, in denen Arbeitslosigkeit jede Hoffnung auf materielle Lebenssiche¬ rung zunichte machte. Ursachen und Verlauf dieser gesell¬ schaftlichen und wirtschaftlichen Er¬ schütterungen stellt Professor Eduard März in seinem auf 6 Teile angelegten, rund 600 Seiten umfassenden Werk „Österreichische Bankpolitik in der Zeit der großen Wende: Am Beispiel der Creditanstalt für Handel und Ge¬ werbe" dar. Trotz des bescheidenen Untertitels geht das Buch weit über die Geschichte eines einzelnen Kredit¬ institutes hinaus; in zahlreichen Ein- schüben gibt Professor März ausführ¬ liche Darstellungen zu wichtigen wirt¬ schaftlichen und politischen Einzel¬ fragen; wie etwa dem Vorkriegszah¬ lungsbilanzdefizit; der Organisation der Kriegswirtschaft; oder den ver¬ schiedenen Nachkriegsplänen zur Budget- und Währungsreform. Die Wahl der Creditanstalt als Spie¬ gel der wirtschaftlichen und politi¬ schen Probleme Österreichs ergibt für den Leser ein besonderes wirtschafts¬ historisches Bild. So taucht beispiels¬ weise der Nationalitätenstreit in den Vorkriegsjahren als Faktor im oligo- polistischen Kampf um Marktanteile zwischen verschiedenen Bankinstitu¬ ten auf; die tschechischen Banken er¬ klärten ihre gezielte Expansionspoli¬ tik zu einer Frage nationaler Selbstän¬ digkeit. „Los von Wien" war eine wert¬ volle Parole in dem nichtpreislichen Wettbewerb des Kreditsektors. Die Creditanstalt wählte (sowie die Regie¬ rung auf politischer Ebene) den Weg einer vorsichtigen Konsolidierung. Auf die aggressiven Methoden neu aufstrebender Konkurrenten wollte sie sich nicht einlassen; schon allein des hohen Risikos wegen. Das Portefeuille der Creditanstalt zeigte am Vorabend des 1. Weltkrieges weitverzweigte Interessen. In fast je¬ dem bedeutenden Wirtschaftszweig bestanden Engagements, die Profes¬ sor März für das Jahr 1913 übersicht¬ lich und detailliert in Schaubildern dokumentiert. Unter den zahlreichen bekannten Firmen (wie der Gösser Brauerei, der Vöslauer Kammgarnfa¬ brik, der Skoda-Werke, des Stabili- 113