markt, im Kommissions- oder Devi¬ sengeschäft reagierte. Die gefährlichste Bedrohung er¬ wuchs dem Wiener Bankwesen in die¬ ser Zeit nicht durch äußere wirtschaft¬ liche Entwicklung, sondern durch ei¬ nen inneren sozialen Wandel. Die Ge¬ walt, List und Drohung enthaltende Atmosphäre des Krieges (jene der „Letzten Tage der Menschheit") hatte vor den eleganten Büros der Bankdi¬ rektoren nicht haltgemacht. Zumal in ihnen nicht mehr nur langgediente Vertraute der Finanzwelt saßen, son¬ dern Bösels und Castiglionis. Sie drohten in einer Reihe von Gewalt¬ streichen übermächtige Finanzimpe¬ rien aufzubauen. Obwohl soziale Au¬ ßenseiter, taten diese „homines novi", wie Professor März sie in seiner mate¬ rialreichen Schilderung ihrer spekta¬ kulären Schachzüge nennt, doch bloß, was ihnen die Spitzen von Politik und Gesellschaft, wenn auch weniger of¬ fen, demonstriert hatten. Hatte nicht der angesehene Privatbankier Kola, der gleichzeitig der Devisenhändler des Staatsamtes für Finanzen (unter der Leitung von Josef Schumpeter) war, seine Stellung benutzt, um be¬ deutende Teile des Kapitals der Alpi- ne-Montan-Gesellschaft in italienische Hände zu spielen? Der Protest in der sozialdemokratischen Presse hatte da¬ mals nichts genützt. Das Wechselspiel von Wirtschaft, Fi¬ nanzkapital und Politik wird auch an den zahlreichen Persönlichkeiten deutlich, die als Protagonisten in der Untersuchung von Professor März sichtbar werden; beispielsweise Alex¬ ander Spitzmüller, aus dessen Auto¬ biographie Eduard März immer wie¬ der interessante Beobachtungen zi¬ tiert, war vor seiner Zeit als Direktor der (Kreditanstalt im öffentlichen Dienst tätig; er verließ die (Kreditan¬ stalt einer Berufung in die Regierung wegen. Allerdings erfolgte die wechselseiti¬ ge Beeinflussung von Politik und Wirtschaft nicht in erster Linie durch persönliche Erfahrungen. Die von der Politik ausgehenden Impulse wurden etwa in der von der Genfer Sanierung ausgelösten Stabilisierungskrise be¬ sonders spürbar. Mit dem ersten Jahr dieser Krise schließt Professor März sein faszinierendes Werk ab (das ver¬ mutlich auf die österreichische Wirt¬ schaftsgeschichtsschreibung einen ähnlich anregenden Einfluß ausüben wird, wie dies das 1968 von Professor März erschienene Buch „österrei¬ chische Industrie- und Bankenpolitik in der Zeit Franz Joseph I." tat). Das Ausmaß der ökonomischen De¬ pression läßt sich aus einer Aufstel¬ lung am Ende des Buches ablesen: In der elektrotechnischen Industrie lag 1923 die Kapazitätsauslastung nur bei 50 Prozent, in der Maschinenindustrie und bei den Eisen- und Stahlwerken nur bei 40 Prozent. Anfang 1922 waren rund 34.000, ein Jahr später über 160.000 unterstützte Arbeitslose regi¬ striert. „In der Retrospektive zeigt das Jahr 1923 bereits alle wirtschaftlichen Schwächen auf, die zur Krise der frü¬ hen dreißiger Jahre führten." Michael Wagner 115