II Die Phillipskurve löste, wie ich bereits erwähnte, eine äußerst umfangreiche empirische, theoretische und wirtschaftspolitische Dis¬ kussion aus, die auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Dabei lassen sich verschiedene Richtungen und Abschnitte erkennen, die zum Teil einander folgten, zum Teil zeitlich überlappten. In unmittelbarem Anschluß an die Publikation des Phillips-Aufsatzes folgte eine - vom Gesichtspunkt der Wissenschaftstheorie aus gesehen - besonders fruchtbare und kreative Phase. Einerseits wurde - wie es einer (auch) empirischen Wissenschaft entspricht - das „Experiment" von Phillips in vielerlei Form überprüft und nachvollzogen. Eine Fülle von empirischen Studien wurde gestartet, die das relevante Datenmate¬ rial verschiedener Staaten unter dem Gesichtspunkt der Phillipsschen Hypothese analysierten5. Sie zeigten die Sensitivität der Zusammen¬ hänge in bezug auf die gewählte Periode sowie auf institutionelle und historische Einflüsse, sie brachten zusätzliche oder alternative Daten ins Spiel (Preisbewegungen, Profite, Gewerkschaftsstärke etc.) und ließen kritische Probleme der Messung (welche Arbeitslosenstatistik, welche Lohn- und Preisstatistiken etc.) und der Methodik (welche Funktionsform, welche Schätzmethoden etc.) erkennen. Die Resultate dieser Arbeiten führten rasch zu einem etwas verwischteren Bild der Phillipskurve. Ob sie bestehe und wie verläßlich ihre Konstanz sei, mußte nun zeitlich, örtlich und prinzipiell differenzierter gesehen werden als es Phillips' Arbeit im ersten Augenblick vermuten ließ. Andererseits setzte parallel zu diesen empirischen Untersuchungen unmittelbar nach Phillips ein vom Standpunkt der Forschungsstrategie ebenso wichtiger theoretischer Vorstoß ein. Von der Phillipsschen Annahme ausgehend, daß die Phillipskurve existiert und ein längerfri¬ stiges Phänomen ist, hielt er nach theoretisch-plausiblen ökonomischen Grundlagen für dieses Phänomen Ausschau6. Faktoren wie Nachfrage¬ überhang, Gewerkschaftsstärke und Bargaining Power, Lohn- und Preisbildungsstrategien etc. wurden in ihrem Einfluß auf simultane Änderungen von Arbeitslosigkeit und Inflation näher durchleuchtet, wobei verschiedene plausible theoretische Konstruktionen sich mit der Existenz einer Phillipskurve als vereinbar erwiesen. Diese beiden Richtungen - an der Phillipskurve orientierte empiri¬ sche und theoretische Überprüfungs- und Erklärungsversuche - sind der auch heute noch wirksame wissenschaftlich wichtige Niederschlag des Phillipsartikels und lassen ihn weiterhin bedeutsam erscheinen. Eine intelligent und pointiert konzipierte Arbeit wirft auf Grund erster empirischer und theoretischer Überlegungen relevante Fragen und Zusammenhänge auf und gibt damit der weiteren empirischen und theoretischen Forschung wichtige Anstöße. In diesem Sinn ist die Phillipskurve in ihren verschiedenen Ausformungen auch heute noch bedeutsam und durch die Stagflation nicht beeinträchtigt worden. Phillipskurvenforschung heute bedeutet eben, das bereits sehr breit gefächerte Ergebnismaterial der sechziger und frühen siebziger Jahre 185