geistern9, so hat doch die Stagflation ein deutliches Signal gesetzt, daß der Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit im Rahmen dieses primitiven Schemas nicht bewältigt werden kann. War die trade-off-Debatte eine Entwicklung, welche die Phillipskurve auf praktisch-empirischer Grundlage zu primitiv und zu unkritisch akzeptierte, so entwickelte sich zehn Jahre nach Phillips eine theoreti¬ sche Diskussion, welche in den gegenteiligen Fehler fiel, die Phillips¬ kurve aus überwiegend dogmatischen Gründen abzulehnen, „weil nicht sein kann, was nicht sein darf". Es geht um die Diskussionen, die sich um den Begriff der „natürlichen Arbeitslosigkeit" gruppieren und die durch Aufsätze von Friedman und Phelps ausgelöst wurden10. Dogma¬ tisch muß dieser Ansatz deshalb genannt werden, weil er seinen Hauptanstoß nicht aus dem Motiv erhielt, die historisch zweifellos vorhandenen Phillipskurvenphänomene näher zu durchleuchten und zu verstehen, sondern aus der Irritation, daß der Phillipskurvenzusam¬ menhang nicht in das Bild der traditionellen neoklassischen Wirt¬ schaftstheorie mit ihren Annahmen von Vollbeschäftigung, geräumten Märkten und determinierten relativen Preisen paßt. In einer solchen Welt kann es nur gewollte „freiwillige" und etwas friktionelle Arbeitslosigkeit geben. Arbeitskräfte haben, so läuft die Argumentation, genaue Vorstellungen, zu welchem Reallohn sie arbei¬ ten wollen, und wenn sie den nicht erhalten können, suchen sie (als vorübergehende Arbeitslose) einen anderen Arbeitsplatz oder scheiden nach einiger Zeit aus dem Erwerbsleben aus. Diese Sucharbeitslosig¬ keit wird als „natürliche" Arbeitslosigkeit bezeichnet und als die relevante, modellgerechte Arbeitslosigkeit präsentiert. Daß generelle Inflationen, welche die Preisrelationen (mehr oder weniger) und damit die realen Beziehungen (einschließlich des Reallohns) unangetastet lassen, mit einer Änderung der Arbeitslosenrate einhergehen sollten, ist mit dieser Sicht nicht vereinbar. Da diese Sicht bei genügender Paradigmentreue tabuisiert bleibt, muß die Realität „sichtgemäß" interpretiert werden. Mit geistreichem Einfallsreichtum wurden Modelle konzipiert, welche vorübergehende Phillipskurven aus Informationsmangel, „falschen" Erwartungen und Geldillusion entstehen lassen, ohne daß man den Gedanken der „natür¬ lichen" Arbeitslosigkeit fallen lassen muß. Diese setzt sich im längerfri¬ stigen „natürlichen" Gleichgewicht durch, wo die Irrtümer überwun¬ den sind und die reale Situation voll durchschaut wird. Die Arbeitslo¬ senrate ist auf ihrem „natürlichen", real determinierten Niveau unab¬ hängig von der jeweils herrschenden Inflationsrate, welche nur die nominellen Größen beeinflußt. Eine längerfristige Phillipskurve gibt es nicht, darf es nicht geben. Dieser Ansatz hat - so mag es scheinen - durch das verbreitete Auftreten von Stagflationserscheinungen eine gewisse empirische Untermauerung erhalten, da mit ihnen viele der früheren Phillipskur¬ ven nicht nur steiler wurden, sondern auch ganz verschwanden. Aber wenn auch den neoklassischen Theorien der natürlichen Arbeitslosig¬ keit manche Überraschungen erspart blieben, so können sie zwei Dinge 187