Stagnation und Expansion Eine vergleichende Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung in der Ersten und Zweiten Republik Eduard März und Maria Szecsi I. Die wirtschaftliche und politische Geschichte der Ersten Republik kann mit den knappen Worten „Krise in Permanenz" zusammengefaßt werden. Im krassen Gegensatz dazu präsentiert sich die bisherige Geschichte der Zweiten Republik, die im Zeichen starker wirtschaftli¬ cher Auftriebskräfte, wachsenden Wohlstands und der Konsensbereit¬ schaft der großen politischen Parteien steht. Im folgenden soll die „permanente Krise" der Ersten Republik mit Hilfe einiger charakteristischer Zahlenreihen dargelegt werden. Im Anschluß daran werden die Faktoren und deren relative Bedeutung untersucht, die uns für die wirtschaftliche Entwicklung (bzw. Fehlent¬ wicklung) relevant erscheinen. Wir stützen uns dabei vornehmlich auf eine verdienstvolle historische Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung'. Betrachten wir zunächst die Entwicklung des BNP je Einwohner während der Jahre 1913 bis 1937. Brutto-Nationalprodukt (real) je Einwohner (1913 = 100) 1913 1920 1924 1929 1933 1937 100 69,6 91,3 106,7 81,7 91,1 In der obigen Zahlenreihe fehlt es an Angaben für die unmittelbare Nachkriegszeit, aber es muß angenommen werden, daß das BNP je Kopf in den Jahren 1918 und 1919 kaum die Hälfte des letzten Vorkriegsjahres betragen hat. Die Aufwärtsbewegung der folgenden Jahre verläuft äußerst schleppend. Das Niveau von 1913 wird erst in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre erreicht und in den Jahren 1928 und 1929 leicht überschritten. Die nun einsetzende Wirtschaftskrise trifft Österreich besonders hart und schmerzlich. Im Jahre 1933, nachdem 321