noch, die Erfolge als Ergebnis der Wirtschaftspolitik erscheinen. Das Zeitalter unbeschränkter wirtschaftspolitischer Machbarkeit schien an¬ gebrochen. Alles schien überdies so wunderbar leicht zu gehen. Genügend technischen Fortschritt vorausgesetzt, der aber wie Manna vom Him¬ mel zu fallen schien, genügten Investitionen, um rasches Wachstum und Wohlstandsvermehrung zu alimentieren. Wer die Investitionstätig¬ keit förderte, hatte damit schon wachstumspolitische Beiträge geleistet und die Berechtigung erworben, die tatsächlichen Wachstumserfolge als Früchte seines politischen Wirkens zu genießen. Noch viel einfacher funktionierte das Entstehen von Machbarkeitsil¬ lusionen in der Konjunkturpolitik. Mangels echter Konjunkturrück¬ schläge schien das Wissen um konjunkturpolitische Möglichkeiten bereits die Wirkung eines Impfstoffes gegen die Beschwernisse kon¬ junktureller Wechselfälle zu besitzen. Wer nicht verdächtigt werden wollte, an einen geheimnisvollen Zauber zu glauben, konnte darauf hinweisen, daß der eine oder andere Staat vollbeschäftigungspolitische Zielsetzungen sogar in Gesetzesform gekleidet oder überdies für den Ernstfall noch ein konjunkturpolitisches Instrumentarium geschaffen hatte. Ähnliches gilt für die Verteilungspolitik. Unter dem Prätext einer rasch wachsenden Wirtschaft schien das Wachstum selbst das geeignet¬ ste Element einer Verteilungspolitik zu sein, da es die Quelle zur Überwindung von Armut zu bieten schien, ohne anderen etwas weg¬ nehmen zu müssen. „Zuwachsverteilung statt Umverteilung" lautete das Motto. Auch die Probleme der Dritten Welt sollten nach diesem Motte gelöst werden. Nicht zuletzt folgte auch der Aufbau des Wohl¬ fahrtsstaates weltweit diesem Bauplan. Die Staatsquote, letztlich auch kaum etwas anderes als Ausfluß des Verteilungsverhältnisses zwischen privatem und öffentlichem Sektor, wurde mit Hoffnung auf Wachs¬ tumszuwächse angehoben. All dies förderte die Illusion grenzenloser wirtschaftspolitischer Machbarkeit. Minimale ablaufspolitische Maßnahmen schienen zu genügen, maximale Wachstums-, Stabilisierungs- und Verteilungser¬ folge zu gewährleisten. Während sich die Nationalökonomie mit immer praxisferneren modelltheoretischen und ökonometrischen Detailpro¬ blemen beschäftigte, hatte sie die Basis eines vulgärökonomischen wirtschaftspolitischen Wunderglaubens gelegt. So konnte es gesche¬ hen, daß die wahren Wurzeln der Wirtschaftserfolge vom Unkraut überwuchert wurden und letztlich kaum auffindbar waren. Nicht das durch Bretton Woods geschaffene System langfristig überschaubarer Wechselkursrelationen, nicht der Weltfreihandel oder der Innovations¬ polster des 2. Weltkrieges (mit seinen Verwüstungen und Entbehrun¬ gen) wurden als Wurzeln des Erfolges anerkannt, sondern die eher marginale Ablaufpolitik. Während die theoretische Nationalökonomie dank ihrer Praxisferne niemals in Gefahr geriet, von Tatsachen widerlegt zu werden, widerfuhr der Wirtschaftspolitik das Unglück zu großen Glücks. Große wirt- 369