Editorial Nach der Stagnation Nach wiederholter Enttäuschung von Aufschwungserwar¬ tungen in den vergangenen Jahren hat der bisherige Verlauf des Jahres 1984 die Vorhersage eines Konjunkturauf¬ schwungs bestätigt, und damit wurde die Stagnationstendenz der frühen achtziger Jahre überwunden. Es liegt schon län¬ gere Zeit zurück, daß die Industrieproduktion um 5 Prozent zugenommen hat, wie für das heurige Jahr prognostiziert wird. Mit Erleichterung kann auch registriert werden, daß der Beschäftigtenstand seit einigen Monaten einen deutlichen Aufwärtstrend aufweist und damit die Arbeitsmarktsituation vorerst stabilisiert erscheint. Die Beschleunigung der Inflation, die - wenn man von der Preisentwicklung bei den Saisonwaren absieht - den Steuer- und Tariferhöhungen vom Jahresbeginn zuzuschreiben ist, wird Österreichs Position im internationalen Vergleich bei diesem Indikator nur vorübergehend verschlechtert haben. Nach allgemeiner Einschätzung wird daraus kein „vicious circle" entstehen, vielmehr sollte der Preisanstieg 1985 auf 4 Prozent gesenkt werden können. Damit wird wieder Spiel¬ raum für eine Erhöhung der Realeinkommen geschaffen, welche über eine Belebung des privaten Konsums im näch¬ sten Jahr den gewichtigsten Beitrag zum prognostizierten Wirtschaftswachstum von 3 Prozent bringen soll. Was bedeutet diese Verbesserung der Konjunktur in mittel- und längerfristiger Betrachtung? Zuallererst wohl, daß die vor einem Jahr noch immer nicht ganz auszuschließende Gefahr einer Dauerstagnation vorerst gebannt ist. Zwar ist der Konjunkturaufschwung in Europa und auch in Öster¬ reich deutlich schwächer als in den USA ausgefallen, doch ist der nicht endenwollende Strom von Meldungen immer neuer Krisen in Industrieunternehmungen, von Arbeitsplatzverlu¬ sten und steigenden Arbeitslosenzahlen unterbrochen. Wenn auch die Schwierigkeiten noch lange nicht in allen Bereichen überwunden sind, so hat sich in vielen der Unternehmungen die Lage konsolidiert und auch die Bilanzstruktur verbessert. Die Zukunftserwartungen sind nach wie vor von Vorsicht, aber nicht mehr so stark vom Pessimismus geprägt. Mit Verzögerung beginnt diese Veränderung auch auf die Indu¬ strieinvestitionen durchzuschlagen. Allerdings bedeutet dies im Unternehmenssektor in den allerwenigsten Fällen eine Rückkehr zu „business as usual". 331