gewinnen kann, haben umfassende Verbände ein starkes Interesse, derartige Eskalationen zu vermeiden. Konsensorientierung und Verstetigung der Erwartungen Sozialpartnerschaftlichen Systemen unterliegt ein breiter gesellschaftlicher Konsens über vorrangige wirtschaftspoliti­ sche Ziele. Aus einheitlichen Zielsetzungen folgt freilich nur dann eine konsensuale Wirtschaftspolitik, falls die Verbände weitgehend übereinstimmende Vorstellungen über den Zustand und die Abläufe der Wirtschaft haben. Mit zuneh­ mendem Erfassungsgrad der Verbände und Zentralisierung der Verhandlungen ist ursächlich eine Tendenz zur Verwis­ senschaftlichung der Verbandspolitik verbunden. In neokor­ poratistischen Systemen werden institutionelle Verkehrun­ gen (in Österreich der Beirat für Wirtschafts- und Sozialfra­ gen sowie die Wirtschaftsforschungsinstitute) getroffen, um einen Konsens in der Wahrnehmung der wirtschaftlichen "Realität", d. h. bezüglich der Interpretation von Daten und der Wirkungsweise von wirtschaftspolitischen Instrumenten zu erzeugen. Dies versetzt die Verhandlungspartner und Politikberater in die Lage, eine einheitliche Sprache zu benützen und erleichtert die Verständigung über konkrete Maßnahmen. Der hohe Erfassungsgrad der Verbände und die Suche nach einer gemeinsamen Sichtweise lenken die Aufmerksam­ keit auf Kreislaufzusammenhänge, auf Interdependenzen der Verbandsinteressen, und führen dazu, daß die umfassenden Organisationen - gerade in einer offenen Wirtschaft - die Verhandlungen nicht als Nullsummenspiel begreifen. Die Tatsache, daß in den meisten Ländern mit neokorpora­ tistischem Verhandlungssystem Vollbeschäftigung ein vor­ rangiges Ziel darstellt, erleichtert die Kompromißfindung. Moderate Lohnabschlüsse allein sind keine hinreichende Bedingung für eine günstige Beschäftigungsentwicklung. Gewerkschaften nehmen somit in diesem Fall sofort wirk­ same Kosten auf sich, während die Höhe des Ertrages unsi­ cher ist. Aktive Arbeitsmarktpolitik, Investitionen der Unter­ nehmungen im Humankapital und andere Maßnahmen, wel­ che die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes verbessern, reduzieren die Unsicherheit in diesem Zusammenhang. Die Effekte neokorporatistischer Verhandlungssysteme reichen über den Arbeitsmarkt hinaus. Sie beeinflussen die Erwartungen der Unternehmer und der anderen Akteure. Die durch sie erreichte Reduzierung von Unsicherheit und beste­ henden Destabilisierungstendenzen schafft überhaupt erst die Voraussetzungen für einen zielführenden Einsatz von Stabilisierungspolitik. 317