getrunken habe, bezeichnete. Einer seiner liebsten Gesprächspartner war er selbst. In seinem anderen großen Werk, der Theory of Moral Sentiments, heißt es, der vollkommen tugendhafte Mensch zeichne sich durch Selbstbeherrschung, Klugheit, Gerechtigkeit und Wohlwollen aus. Smith muß diesem Ideal nach allem, was wir über in wissen, recht nahe gekommen sein. Er führte ein bescheidenes und zölibatäres Leben; die einzige Frau, die darin eine bedeutende Rolle spielte, war seine Mutter. Er war liebenswert und hilfsbereit; größere Summen seines ansehnli­ chen Einkommens hat er Armen vermacht. Seinen beruflichen Pflich­ ten kam er mit größter Gewissenhaftigkeit nach. Als akademischer Lehrer gelang es ihm wie kaum einem anderen, seine Hörer zu fesseln. Er war ein Büchernarr, von beinahe enzyklopädischem Wissen. Intel­ lektuelle, wissenschaftliche Arbeit bereitete ihm mehr Vergnügen als alles andere. Sie stillte seine Neugier und brachte Ordnung und Zusammenhang in die Vorstellung von der Welt und schließlich in die Welt selbst, wie man damals noch glauben durfte. Er war ein Bewunde­ rer Newtons und machte reichlichen Gebrauch von mechanischen Analogien. "In einem bestimmten abstrakten und philosophischen Licht betrachtet, erscheint die menschliche Gesellschaft als große, gewaltige Maschine." Aber es ist wohlgemerkt das philosophische System bzw. die Reflektion des Gegenstands in ihm, und nicht der Gegenstand selbst, das einer Maschine ähnelt, "erfunden, um in der Phantasie jene verschiedenen Bewegungen und Effekte miteinander zu verbinden, die in der Wirklichkeit bereits vollzogen werden". Die Aufgabe des Philosophen und Wissenschaftlers, so Smith, bestehe "nicht darin, etwas zu tun, sondern darin, alles zu beobachten." Als "Mann der Spekulation" gelinge es ihm, Zusammenhänge zwischen den entferntesten und unterschiedlichsten, dem flüchtigen Betrachter als gänzlich unverbunden erscheinenden Dingen herzustellen. Idealiter verkörpere er Wahrheitsliebe und Erfindungsgabe. In seinen Arbeiten über die Methode der Wissenschaft und die Geschichte einzelner Disziplinen betont Smith wiederholt das subjektive Moment. Nichts deutet darauf hin, daß er der Auffassung war, sein eigenes System enthalte letzte, ewige Wahrheiten. Wohl aber war er davon überzeugt, wie es einer Passage über die im damaligen Frankreich dominierende physiokratische Doktrin zu entnehmen ist, daß sein System der politi­ schen Ökonomie von allen bis dahin bekannten der Wahrheit am nächsten kam. Für die Richtigkeit dieser Einschätzung spricht einiges - nicht zuletzt der Umstand, daß Smith sein literarisches Netz weit ausgeworfen hatte und alles, was er an Brauchbarem bei anderen Autoren fand, verwer­ tete. Ihm ist deshalb verschiedentlich Eklektizismus und Mangel an Originalität vorgeworfen worden. In diesem Vorwurf steckt zwar ein Korn Wahrheit, aber er geht am Kern der Sache vorbei. Smiths Leistung besteht in dreierlei: Zum einen verdanken wir dem Schotten auf mehreren Feldern neue Erkenntnisse oder zumindest stimulierende Ideen, zum anderen die präzisere Fassung bereits bekannter Aussagen. 322