Schließlich, und am wichtigsten, gelang es ihm wie keinem Autor davor, die diversen Aspekte miteinander zu verweben und eine Gesamt­ vision von der Funktionsweise und Dynamik des sozioökonomischen Systems zu entwerfen. Kein geringerer als Karl Marx, ansonsten einer seiner schärfsten Kritiker, sieht in Smith neben David Ricardo den besten Repräsentanten der klassischen politischen Ökonomie. Letztere erforsche "den innern Zusammenhang der bürgerlichen Produktions­ verhältnisse - im Gegensatz zur Vulgärökonomie, die sich nur innerhalb des scheinbaren Zusammenhangs herumtreibt." II Der unparteiische Beobachter und Erfinder Adam Smith wird im Jahr 1723 im kleinen schottischen Ort Kirkcaldy am Fifth of Forth, gegenüber Edinburgh, geboren. Sein genaues Geburtsdatum ist unge­ wiß; bekannt ist, daß er am 5. Juni getauft wird. Nach dem Besuch der lokalen Schule immatrikuliert er sich 1737 an der Universität Glasgow. Am stärksten beeindruckt zeigt er sich von dem Moralphilosophen Francis Hutehesan (1694-1746), einem der führenden Köpfe der schotti­ schen Aufklärung. 17 40 geht Smith mit einem Stipendium an die Universität Oxford, die ihn sehr enttäuscht. Oxford ist für ihn nichts weiter als einer jener Orte der Gelehrsamkeit, an dem "gescheiterte Gedankengebäude und längst überwundene Auffassungen Schutz und Schirm fanden". Der geistigen Enge der Universität versucht er sich durch eifriges Selbststudium zu entziehen. Unter anderem ist überlie­ fert, daß er zum Mißfallen seiner Lehrer David Humes (171 1-1776) im Jahr 1739 erschienenes Werk A Treatise of Human Nature durcharbei­ tet. Das Buch wird konfisziert; es gilt als atheistisch und die Moral zersetzend. Mit Hume wird ihn später eine lebenslange Freundschaft verbinden. 1746 kehrt Smith nach Kirkcaldy zurück. 1748 beginnt er, ermuntert und unterstützt von einem Kreis von Gönnern, in Edinburgh Vorlesun­ gen über Rhetorik, Literatur und schließlich auch Jurisprudenz zu halten. Sein Erfolg als Lehrer spricht sich herum. 1750 wird ihm die Professur für Logik an der Universität Glasgow angetragen; Smith nimmt an. 1752 wechselt er auf den Lehrstuhl für Moralphilosophie, den früher Hutehesan innegehabt hat. Sein Vorlesungszyklus behandelt Natürliche Theologie, Ethik, Jurisprudenz und Ökonomik. Zu Smiths Zeiten ist am Glasgower College u. a. James Watt tätig, der 1765 mit seiner Erfindung einer wesentlich verbesserten Dampfmaschine zu einem Wegbereiter der Industriellen Revolution werden sollte. Im Jahr 1759 veröffentlicht Smith sein erstes Hauptwerk, The Theory of Moral Sentiments (TMS). Es verschafft ihm in kurzer Zeit hohes Ansehen nicht nur in Großbritannien, sondern auch auf dem Kontinent. Die erste deutsche Übersetzung erscheint 1770. Der Stiefvater des jungen Herzogs von Buccleuch ist von Person und Werk so beein­ druckt, daß er Smith die Position eines Privatlehrers anbietet. Smith akzeptiert und legt zu Beginn des Jahres 1764 seine akademischen 323