DEUTSCHLANDS WIRTSCHAFT VON DER KRISE DER 1840ER JAHRE BIS ZUM ERSTEN WELTKRIEG Rezension von: Richard H. Tilly, Vom Zollverein zum Industriestaat. Die wirtschaftlich-soziale Entwicklung Deutschlands 1834 bis 1914, Deutscher Taschenbuch Verlag 4506, München 1990, 234 Seiten, DM 12,80 Der in der bekannten dtv-Reihe "Deutsche Geschichte der neuesten Zeit" erschienene Band beginnt mit einer Darlegung eines öfters stiefmüt­ terlich behandelten Themas: der Krise der 1840er Jahre. Dabei handelte es sich einerseits um eine strukturelle Krise. Das Zusammenwirken von technischem Fortschritt und Bevölke­ rungswachstum hatte Unterbeschäfti­ gung und Massenverarmung zur Fol­ ge. Am stärksten betroffen waren der gewerbliche und der protoindustrielle (Heimarbeits-)Bereich. Die extremen Einkommenseinbußen der Heimar­ beiter fanden u. a. Ausdruck im be­ rühmten schlesischen Weberaufstand des Jahres 1844. Die witterungsbedingten Mißernten der Jahre 1845 und 1848 bewirkten rapide Preisanstiege bei Getreide und Kartoffeln. Am schärfsten war die Agrar- und Hungerkrise im preußi­ schen Armenhaus Ostelbien. Diese Regionen wiesen den niedrigsten Le­ bensstandard, das höchste Bevölke­ rungswachstum und die geringste In­ dustrialisierung auf. Die auch in die­ sen Jahren anhaltend hohen Getrei­ deexporte aus dem östlichen Teil Preußens ließen die Preise steigen und erschwerten auf diese Weise der Unterschicht den Zugang zu Nah­ rungsmitteln. Die ostelbischen Groß­ grundbesitzer lehnten administrative 470 Eingriffe in den Lebensmittelhandel ab. Daher kamen staatliche Verord­ nungen und Zuteilungen vor allem außerhalb Preußens zur Anwendung. Öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaß­ nahmen erfolgten erst spät, nämlich im Revolutionsjahr 1848. Die insbesondere vom Eisenbahn­ bau getragene Investitionswelle in der ersten Hälfte der vierziger Jahre fand mit der monetären Krise 1847 ein ab­ ruptes Ende. Unternehmenszusam­ menbrüche, Konkurse, Kapazitätsein­ schränkungen und Entlassungen lei­ teten die tiefe Rezession 1847 bis 1849 ein. Die Revolution war somit Teil als auch Konsequenz einer länger andau­ ernden, vielschichtigen Krise. In der folgenden Gründerzeit bis Mitte der 1870er Jahre stiegen die ge­ samtwirtschaftliche Produktivität und das durchschnittliche Pro-Kopf­ Einkommen. Stagnierende Reallöhne implizieren eine erhebliche Umvertei­ lung zu den Kapitaleinkommen in die­ ser Periode. Die Verteilungsverschie­ bung kann als das Ergebnis eines ge­ samtwirtschaftlichen Arbeitskräfte­ überschusses aufgefaßt werden. Auf die Investitionstätigkeit übte sie über die Ersparnisbildung vermutlich ei­ nen positiven Einfluß aus. Die höhere Investitionsrate wiederum beschleu­ nigte die Diffusion des technischen Fortschritts und damit die Steigerung der Produktivität. Festzuhalten ist in diesem Zusammenhang, daß gerade wegen der Durchsetzung der Fabriks­ produktion, insbesondere im Textil­ bereich, die protoindustriellen Ver­ dienstmöglichkeiten schrumpften. Die Fabriken schufen sich somit zu­ mindest partiell auf mittlere Sicht ihr eigenes Arbeitskräftereservoir. Neben dem Eisenbahnbau, der Ei­ senindustrie und dem Kohlebergbau zählte der Maschinenbau zu den Füh­ rungsindustrien der Gründerzeit. Das spektakuläre Wachstum dieser Bran­ che - die Zahl der Maschinenfabriken stieg von 417 (1846) auf 665 (1861) und etwa 1 .400 (1871) - war teils eine Reak­ tion auf die Eisenbahnnachfrage, teils