sich mehrheitlich von der traditionel­ len Politik ab und der anarchistischen Aufstandsbewegung zu. In der folgenden Epoche der Re­ staurationsmonarchie lösten einander zwei Fraktionen der Oligarchie (Kon­ servative: Adel, Großgrundbesitzer; Teile des Bürgertums; Liberale: Han­ dels- und lndustriebürgertum; Mili­ tärs) regelmäßig durch ein ausgeklü­ geltes Manipulationssystem in der Re­ gierung ab. Ein überaus restriktives Zensuswahlrecht schränkte den Ein­ fluß von Republikanern und Soziali­ sten wesentlich ein. Spanien blieb auch im letzten Vier­ tel des 19. Jahrhunderts eine ganz überwiegend agrarische Gesellschaft: noch in den 1880er Jahren waren mehr als siebzig Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig. Die Indu­ strialisierung beschränkte sich auf drei periphere Regionen. Die tradi­ tionsreiche katalanische Textilindu­ strie durchlief eine weitere Wachs­ tumsphase. Der Bergbau Asturiens und in der Folge die dortige Metallin­ dustrie profitierten vom massiven Einstrom ausländischen Kapitals ab 1868. Um die Jahrhundertwende ent­ stand im Eisenerzgebiet der baski­ schen Provinz Vizcaya eine moderne Stahlindustrie. Das Baskenland stieg damit zur führenden Industrieregion Spaniens auf. Die Krise des Restaurationssystems begann mit dem Verlust der Kolonien (Kuba, Philippinen) im Jahre 1898. Die ideologische Hegemonie der Oli­ garchie zerbrach. Die zunehmende Zersplitterung der politischen Partei­ en verhinderte stabile Regierungen. Zwischen 1898 und 1923 lösten einan­ der in rascher Folge nicht weniger als 44 Kabinette ab. In den innerpolitischen Konflikten über den Kolonialkrieg in Marokko wurde die wachsende Polarisierung der Gesellschaft manifestiert. Die Ar­ beiter brachten kein Verständnis da­ für auf, daß sie für die imperialisti­ schen Abenteuer unfähiger Militärs den Kopf hinhalten sollten. Der aus diesem Grund ausgerufene General­ streik im Juli 1909 eskalierte zu einem bewaffneten Aufstand, den das Militär brutal niederschlug ("Tragische Woche"). Das Militär als Bollwerk der Oligar­ chie gegen die radikalisierte Arbeiter­ bewegung und die neu entstandenen nationalistischen Strömungen in Ka­ talonien und im Baskenland schob sich immer mehr in den Mittelpunkt. Durch das mehrfache Nachgeben ge­ genüber Ultimaten des Offizierskorps ordnete sich die Zivilregierung de fac­ to dem Militär unter. In der Staatskri­ se der Jahre 1917 bis 1923 brach das konstitutionelle Restaurationssystem zusammen. Die Krone gab ihre Zu­ rückhaltung bei der Ausübung ihrer Vorrechte auf. König Alfons XIII. wandte sich von den politisch gelähm­ ten bürgerlichen Parteien ab und setz­ te Militärs an die Spitze von Über­ gangsregierungen. Der Putsch von Primo de Rivera 1923 war die logische Konsequenz der vom Militär errungenen Autonomie und des Versagens der zivilen Politi­ ker bei der Lösung der Staatskrise und der Eindämmung der sozialen Konflikte (Bürgerkrieg in Katalonien, Agraraufstände in Andalusien). Auch Primo de Riveras Experiment einer "autoritären Modernisierung" des Landes unter Erhaltung der Privi­ legien der Oligarchie scheiterte. Die Hoffnungen des liberalen Bürgertums und des sozialistischen Flügels der Arbeiterbewegung auf durchgreifen­ de Reformen wurden enttäuscht. In den Gemeindewahlen des Jahre 1931 errang das Bündnis aus Republika­ nern, Sozialisten und linken Katala­ nen die Mehrheit. Mit der Ausrufung der Zweiten Republik begann der Ver­ such, die überkommenen politischen und sozio-ökonomischen Strukturen grundlegend zu ändern. Das Ende ist bekannt. Bis zu Francos Tod (1975) blieb Spa­ nien ein "Land der halben Entwick­ lungen". In keiner der vorhergegange­ nen Epochen stimmten der politische 575