nesianer in Lehrbüchern und Artikeln die Theorie von Keynes häufig auf ein recht simples Schema reduziert, nämlich das IS/LM-Diagramm von Hicks, das vor allem folgende Schwachpunkte aufweist (vgl. im einzel­ nen meinen Artikel "Die Zukunft der Globalsteuerung" , 1986). a) Im IS/LM-Diagramm können nicht gleichzeitig Mengen und Preise variiert werden. Es lassen sich nur nominale oder reale Größen be­ trachten. b) Es fehlt die Angebotsseite. c) Es fehlen Aussagen über Marktstruktur und Marktverhalten; die Be- ziehungen zur mikroökonomischen Theorie bleiben ungeklärt. d) Die Verteilungsproblematik wird ausgeblendet. e) Der Arbeitsmarkt bleibt außer Betracht. f) Die Geldmenge ist exogen; der Bankensektor wird vernachlässigt. g) Die Unsicherheit der Erwartungen bleibt draußen vor. Zweitens haben viele Keynesianer sich auf die "Neoklassische Synthe­ se" im eigentlichen Sinn eingelassen, bei der - beginnend mit Modiglia­ ni (1944) - durch Kombination des IS/LM-Diagramms mit einem neo­ klassischen Arbeitsmarkt das keynesianische Instrumentarium mißbraucht werden kann (und wurde), um neoklassische Ergebnisse zu produzieren. Ich spreche hier nicht von der These, die auch Keynes selbst vertreten hat, daß bei erfolgreicher Vollbeschäftigungspolitik "viele der alten klassischen Prinzipien der Mikroökonomie wieder Geltung erlan­ gen" (Samuelson, 1975 , S. 442), sondern von jener neoklassischen Syn­ these, die den Geltungsbereich der mikroökonomischen Verallgemeine­ rungen nicht auf den Fall der Vollbeschäftigung beschränkt. Um aus deren Umklammerung herauszukommen, war dann später ei­ ne Neubesinnung erforderlich bzw. eine Rückbesinnung auf den eigent­ lichen Kern der Theorie von Keynes. Diese Rückbesinnung eingeleitet zu haben, ist das große Verdienst von Clower ( 1963) und von Leijonhufvud ( 1968), der den Unterschied zwischen den "Economics of Keynes" und den "Keynesian Economics" herausarbeitete. In dieser Phase einer Rückbesinnung, deren Ausmaß und Notwendigkeit sehr unterschiedlich eingeschätzt wird, bietet die keynesianische Theorie kein Bild der Kon­ sistenz und Geschlossenheit; ganz im Gegenteil bieten die unterschiedli­ chen Interpretationen zahlreiche Angriffsflächen. Daher hat die keyne­ sianische Theorie auf Dauer nur Chancen, wenn sie voll aus der neoklas­ sischen Umklammerung gelöst und dann konsequent und eigenständig aufgebaut wird. Für ihren konsistenten Neuaufbau muß die keynesianische Theorie von folgender Grundfrage her konzipiert werden: Warum funktioniert die Gesamtwirtschaft nicht so, daß auf allen Märkten, einschließlich der Faktormärkte, Angebot und Nachfrage in Übereinstimmung gebracht werden, obwohl doch die Mikroökonomie zeigt, daß auf jedem einzelnen Markt, für sich betrachtet, ein solches Gleichgewicht erreichbar ist? Die Antwort kann nur sein: Das Ergebnis ist anders, wenn man das Zusam­ menwirken zwischen den Märkten (die spillovers) berücksichtigt, also die Koordination von Entscheidungen auf verschiedenen Märkten. Dann zeigt sich: Was nicht so gut funktioniert, wie man es für die Vollbeschäf- 145