BÜCHER HISTORISCHE BRÜCHE Rezension von: Stefan Karner/Gerald Schöpfer (Hrsg.), Als Mitteleuropa zerbrach, Leykam, Graz 1990, öS 240,-; Jürgen Nautz (Hrsg.), Unter­ händler des Vertrauens. Aus den nachgelassenen Schriften von Sektionschef Dr. Richard Schüller, Verlag für Geschichte und Politik Wien, R. Oldenbourg Verlag München, 1 990, 326 S . , öS 420,- Die europäische Gegenwart wird durch einen jener gewaltigen Um­ brüche bestimmt, welche der ge­ schichtlichen Entwicklung einen neu­ en Lauf gaben. Das "System von Jal­ ta" , das die europäische "Ordnung" nach 1945 bestimmte, ist zusammen­ gebrochen und eröffnet Möglichkei­ ten, welche wohl einst den Schöpfern der Konzepte von Dumbarton Oaks und Bretton Woods vorschwebten. Diese erfreulichen Aspekte treten im Augenblick allerdings hinter die Schwierigkeiten der Umstellung des früheren Wirtschaftssystems zurück, aber auch die politischen Instabilitä­ ten, oft verursacht durch die für den westeuropäischen Betrachter rätsel­ haften Ausbrüche des Nationalismus. In dieser Situation ist es Aufgabe der Geschichtswissenschaft, auf Epi­ soden zu verweisen, in welchen sich Umbrüche vollzogen, die den gegen­ wärtigen zumindest nahekommen, um aus deren Studium Aufschlüsse für die heutige Entwicklung zu erhalten. Auf den Schlachtfeldern des 1 . Weltkrieges versank nämlich gleichfalls eine Epo­ che: das 19 . Jahrhundert und seine po­ litischen Strukturen. Symbolisiert wurde dieser Vorgang durch den Zer­ fall der österreichisch-ungarischen Monarchie. Das Auseinanderbrechen dieses einst so mächtigen und tradi­ tionsreichen politischen Komplexes förderte viele Probleme zutage, die heute eben auch im Osten auftreten: Da ist einerseits das Bestreben der Na­ tionen, einen eigenen Staat zu gründen - mit all den darauf folgenden Kom­ plikationen - und andererseits die Notwendigkeit, aus der - ersten - kriegsbedingten Planwirtschaft unter gegebenen katastrophalen Umständen zur Marktwirtschaft zurückzufinden. Natürlich harrt dieser große Kom­ plex noch seiner analytischen Klä­ rung, die Problematik ist ja erst seit kurzem offenkundig, aber Einzelstu­ dien können wertvolle Informationen und spezielle Erkenntnis zur Gesamt­ analyse dieses Bereiches beitragen. Ei­ ne davon stellt das von St. Karner und G. Schöpfer herausgegebene Sammel­ werk "Als Mitteleuropa zerbrach" dar. (Warum setzt sich zumindest in der Wissenschaft nicht der in der amerika­ nischen Literatur fest verwurzelte Be­ griff "East Central Europe" für die be­ troffene Region durch?) Dieser erste Band einer zeitgeschichtlichen Schrif­ tenreihe, die vor allem den Problemen des Alpen-Adria-Raumes gewidmet ist, analysiert die Geschehnisse in die­ ser Region nach Ende des 1 . W eltkrie­ ges. Zum ersten der zuvor erwähnten Themenkreise vermitteln die Beiträge von A. Suppan (Der Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918. Das Ende des mitteleuropäischen Großstaates), I. Prunk (Die Gründung des jugoslawi­ schen Staates, 1 918) sowie I. Pirjevec (Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, von der Einheit bis zur 261