HAT FREIHEIT EINE ZUKUNFT? Rezension von: Adolph Lowe, Hat Freiheit eine Zukunft?, Metropolis­ Verlag, Marburg 1 990, 155 Seiten, DM 27,80 Wir leben in einer Zeit, die durch zwei einander in merkwürdiger Weise widersprechende Tendenzen gekenn­ zeichnet ist. Auf der einen Seite erar­ beitet eine sich immer stärker verä­ stelnde und spezialisierende Wissen­ schaft atemberaubende neue Erkennt­ nisse und kann immer neue technische Details "in den Griff" bekommen; auf der anderen Seite scheint der Pro­ blemdruck, der auf der Menschheit als Ganzes lastet, nicht nur nicht abzu­ nehmen sondern eher noch zu wach­ sen. Spezialwissenschaftler können opti­ mistisch auf ständige Fortschritte und spezielle Problemlösungen hinweisen, während mehr philosophisch orien­ tierte Denker voll Besorgnis Szenarien von beunruhigenden Zukunftstenden­ zen entwerfen, häufig allerdings ohne jene "solide" wissenschaftliche Unter­ mauerung, welche viele Fachwissen­ schaften aufweisen, die aber ihrerseits wieder dazu tendieren, die größeren Zusammenhänge zu vernachlässigen. Die Kluft, die zwischen diesen beiden Richtungen besteht, führt einerseits zu perspektivloser Expertokratie, ande­ rerseits zu Wissenschaftsfeindlichkeit und mystisch gefärbten Zukunftsäng­ sten und -hoffnungen. Weder das eine noch das andere kann eine fruchtbare Basis für die Analyse der Weltproble­ me in diesem ausgehenden Jahrhun­ dert sein. Was man brauchen würde, ist der Versuch, eine Brücke zwischen einer umfassenden "Schau" der gesell­ schaftlichen Prozesse als ganzes und den Erkenntnissen und Möglichkeiten einzelwissenschaftlicher Forschung zu bauen. Das aber bedarf eines Denk­ prozesses, der generelle historisch-ge­ sellschaftliche Faktoren mit solidem analytischen Fachwissen verknüpfen kann. Die Personen, welche dies zu­ stande bringen, sind nicht gerade zahlreich gesät. Ein schmaler Band, der eine solche Leistung in Zusammenhang mit den sozio-ökonomischen Problemen unse­ rer Tage in bemerkenswerter Weise angeht, verdient daher besondere Be­ achtung. Es sind dies die besorgten Überlegungen, welche der Nestor der deutschen Nationalökonomie, Adolph Lowe, noch vor Ausbruch der Golfkri­ se (aber diese teilweise vorausahnend) 1 988 in seinem 95 . Lebensjahr in einer angesehenen amerikanischen Schrif­ tenreihe publizierte und die nun in deutscher Übersetzung vorliegen. Lo­ we, der in den zwanziger und dreißiger Jahren als bedeutender Konjunktur­ theoretiker Professuren an den Uni­ versitäten Kiel und Frankfurt in­ nehatte und dann - zur Emigration ge­ zwungen - an der Unversität Manche­ ster und schließlich an der renommier­ ten N ew School of Social Research in New York lehrte und forschte, faßt in diesem Buch seine auf historischen, soziologischen und ökonomisch-theo­ retischen Kenntnissen aufbauenden Gedanken und Vorschläge zusammen, welche die vor der Menschheit liegen­ den Probleme betreffen. Diese sieht er vor allem in der Frage, ob es möglich sein wird, den Weg zu größerer Frei­ heit und Emanzipation (politisch und ökonomisch), den sich die Menschheit über die Jahrhunderte hinweg mit vie­ len Aufs und Abs allmählich erkämpft hat, in Zukunft fortzusetzen, oder ob diese Ziele durch neuere technische und gesellschaftliche Entwicklungen bedroht sind. In weiter historisch-soziologischer Perspektive zeigt er, wie Fortschritte auf dem mühsamen Weg zu mehr Frei­ heit und Emanzipation stets eine ge­ wisse Balance zwischen diesen Zielen und einer auf gesellschaftlichem Kon­ sens und Solidarität beruhenden Ord- 265