"Frühjahrsoffensiven" nicht mehr als den tarifpolitischen Rahmen für die Verhandlungen der Betriebsgewerk­ schaften vorgeben. Beginnend mit dem "Gesetz zur Si­ cherung der öffentlichen Ruhe" von 1900, welches in Anlehnung an das Bismarksehe Sozialistengesetz ein Ko­ alitions- und Streikverbot (Seite 152) in Japan installierte, beschreibt der Autor des zweiten Teils (Bobke) die rechtliche Situation der japanischen Arbeitsbeziehungen. Dieses Arbeits­ recht wurde in der Zeit vor der extrem autoritären japanischen Militärdikta­ tur (1936) und deren imperialistischen Angriffskriege liberalisiert, d. h. das Koalitions- und Streikverbot wurde aufgehoben. Das neue Arbeitsrecht, das nach der Kapitulation der Militärs im Jahre 1945 kodifiziert wurde, zeigt in deutlicher Weise deutsche, engli­ sche und französische Einflüsse. In der neugeschaffenen Friedensverfassung von 1946 (Verbot des Militärs und des Militarismus) ist die Koalitionsfreiheit enthalten. Diese in der Verfassung ga­ rantierte Koalitionsfreiheit schließt die negative Koalitionsfreiheit aus. Dadurch wird, ganz im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland, das Sy­ stem des "Union-Shops" oder "Closed Shop" möglich, welches in Japan auch entstand. Die oben erwähnten eigentlichen Säulen der japanischen Arbeitsbezie­ hungen, also die Betriebsgewerkschaf­ ten, werden durch das "Closed-Shop­ System" noch mehr gestärkt. Da die tarifpolitische Option zumeist bei den Betriebsgewerkschaften liegt, die auch über Streiks entscheiden kön­ nen, verfügen die Betriebsgewerk­ schaften, und somit natürlich auch die Betriebsräte, über vergleichsweise mehr Macht als ihre bundesdeutschen Kollegen. Diese starke Position kann allerdings durch die Anwesenheit un­ terschiedlicher Dachorganisationen innnerhalb eines Betriebes gemindert werden. So hat die Konkurrenz der verschiedenen Dachverbände (Rengo, Sohyo, Domei) auch schon dazu ge- 274 führt, daß, wie es zum Beispiel im Fal­ le der Firma Sumitomo geschah, Do­ mei die Entlassung progressiver Ge­ werkschaftskollegen (im Sohyo-Dach­ verband organisiert) unterstützte. Die­ se drei Dachverbände sind mit dem bundesdeutschen DGB und nicht so sehr mit den 16 Einzelgewerkschaften der Bundesrepublik zu vergleichen. Ausführlich sind die Darstellungen über die Rechte der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften, die von Arbeits­ schutz, Arbeitszeitregelungen über Schlichtung bis hin zur Mitbestim­ mung reichen. In diesem Abschnitt wird auch der nicht unerhebliche durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Männern (ca. 250.000 Yen) und Frauen (ca. 1 50 .000 Yen) sowie die überraschenderweise derzeitig rück­ läufige Tendenz der Inanspruchnahme des tariflich oder gesetzlich gesicher­ ten Urlaubs erwähnt. Trotz der zahlreichen und uner­ läßlichen Details und Tabellen ist das Buch weder unübersichtlich, noch ver­ liert es sich in Einzelheiten. Vielmehr bietet es eine Gesamtdarstellung der Arbeitsbeziehungen im heutigen Ja­ pan, wobei das Buch weit mehr ist als nur eine Antwort auf Arbeitgebervor­ würfe, wie sie Steinkühler in der Ein­ leitung erwähnt. Typisch für bundesdeutsche Wissen­ schaftler, die aus hochgradig verrecht­ lichten Arbeitsbeziehungen kommen, ist die lange Darstellung der Rechtsla­ ge in Japan, was allerdings dem zu er­ forschenden Gegenstand nicht im We­ ge steht. Der einzige Mangel des Bu­ ches liegt im zu starken verbleiben im deskriptiven Bereich, wodurch die Analysen oft zu kurz fassen. Diese Analysen sollten tiefer gehen als die (zutreffenden) Hinweise auf die Iden­ tifikation mit dem Betrieb, dessen Wurzeln im Feudalismus liegen. Hier wäre zu denken an eine vertiefende Darstellung der typischen Eigenarten der japanischen Arbeitsbeziehung, die während des Überganges vom Feuda­ lismus zum Kapitalismus entstanden. Thomas Murakami