Ebensowenig vermag er an der Lahn­ quotenentwicklung Unterschiede zwi­ schen den beiden Ländern zu er­ blicken. Somit scheinen sich die Diffe­ renzen auf die Rethorik und die At­ mosphäre zu beschränken. In der poli­ tischen Praxis verhielten sich die deutschen Gewerkschaften ebenso wie die Österreichischen - ein nicht ganz überraschendes Resultat, da die Kar­ paratismusliteratur die ERD immer der dafür charakteristischen Staaten­ gruppe zuzählt. Gewisse Unterschiede sieht Christi in der Beschäftigungspolitik beider Länder. Das Konzept des "Austrokey­ nesianismus" sei ohne gewerkschaftli­ che Kooperation nicht denkbar gewe­ sen. Seine Effekte lägen allerdings im Vergleich zur ERD nicht in der Fis­ kal-, sondern in der Geldpolitik Das Nettodefizit der öffentlichen Haushal­ te des Gesamtstaates in der ERD habe 1975 jenes Österreichs übertroffen. Erst in den achtziger Jahren sei die Österreichische Fiskalpolitik deutlich expansiver als die in der ERD gewe­ sen. Sichtbare Unterschiede fänden sich jedoch in der Geldpolitik Das Österreichische Zinsniveau wäre 1 973 bis 1975 entgegen der langjährigen Si­ tuation deutlich unter dem deutschen gelegen. Der Autor schreibt diese Poli­ tik teilweise dem Sozialpartnereinfluß in der Notenbank zu, teilweise deren Überzeugung, daß eine lockere Geld­ politik zu keinen Konsequenzen bei den Löhnen führen würde. Die wesentlichen Beschäftigungsef­ fekte ergäben sich allerdings aus dis­ kretionären Eingriffen wie der Be­ schäftigungspolitik, welche die ver­ staatlichte Industrie betrieben hatte und der Reduktion des Ausländerstan­ des. Nicht zu folgen vermag man der Meinung des Autors, die Arbeit der Österreicher im Ausland habe gleich­ falls den Angebotsdruck gemildert, denn auch die Zahl dieser Arbeitskräf­ te ging nach 1975 zurück, ähnliches gilt für den Karenzurlaub. Ein ge­ wichtiger Einfluß resultiere aus dem Transfer der Arbeitslosigkeit in das 276 Pensionssystem. Interessant scheint in diesem Zusammenhang, daß sich das "Vorruhestandsgesetz" in der ERD als Fehlschlag erwiesen hat. Wenn der Verfasser diese klare und wohldokumentierte Studie (es wurde die gesamte einschlägige Literatur verarbeitet) mit der Bemerkung been­ det, es gehe darum, die Österreichische Sozialpartnerschaft im Hinblick auf ihre wirtschaftlichen Auswirkungen zu "entmythologisieren" , dann wird sie diesem Ziel aus zwei Gründen nicht gerecht. Zunächst legt er selbst dar, daß sich zwar die Fiskalpolitik der ERD und Österreichs in der Phase des "Austrokeynesianismus" nicht un­ terschieden hatten, wohl aber die Geldpolitik unter dem Einfluß der So­ zialpartner. Und damit hatte durch den weit schächeren Rückschlag in Österreich der Aufbau des Arbeitslo­ sensockels mit seinen Hysteresiseffek­ ten vermieden werden können, wel­ chen Zusammenhang Solow mit den Worten "an ounce of prevention is worth a ton of correction" (Solow, 1991 , S. 196) charakterisiert. In der Folge kam es dann zum Unterschied, nicht nur zu Westeuropa, sondern möglicherweise auch zur Bundesrepu­ blik zum Abbau der Lohnsteigerungs­ ratell nicht durch "incomes policy by fear" (Cornwall, 1991 , S. 1 14), als Fol­ ge hoher Arbeitslosenraten, sondern als Konsequenz des "social bargain" , also der Sozialpartnerschaft. Aber dann ist noch ein weiteres. Hier scheint natürlich ein quantitati­ ver Nachweis kaum möglich, aber auf dieses Problem weist er ja selbst hin. Bedenkt man den ökonomischen Auf­ holprozeß Österreichs nach 1 945, der je Einwohner noch erfolgreicher ver­ lief als in der Bundesrepublik (alt) und erwägt man die gewaltigen wirtschaft­ lichen Kräfte, welche diesem Staat zu­ geschrieben werden, muß man sich fragen, was es wohl gewesen ist, das diesen enormen Expansionsprozeß in Österreich ermöglicht hat. Was ist der wirtschaftliche "asset" dieses Landes? Hängt das nicht doch irgendwie mit