Arbeitslosigkeit, Hysterese und Wirtschaftspolitik Rudolf Winter-Ebmer*) 1 . Einleitung In der Österreichischen Arbeitsmarktlage scheint die Zeit einer "Insel der Seligen" vorbei, seit Mitte der achtziger Jahre nähern sich die Arbeitslosenraten internationalen Werten'. Wurde in den Siebzigern 2 Prozent Arbeitslosigkeit als "normal" und damit erstrebenswert er­ achtet, so verschob sich seit etwa 1985 die Sockelarbeitslosigkeit auf ca. 5 Prozent. An dieser Entwicklung sind zwei Phänomene interessant: Zum einen die soziologische Fragestellung: Warum wird die neue Situation als "normal" anerkannt und die wirtschaftspolitische Meßlatte bescheide­ ner angelegt? Zum anderen - und damit möchte ich mich hauptsächlich beschäftigen - die ökonomische Frage: Warum verharrt die Arbeitslosig­ keit auf hohem Niveau, gibt es Strukturveränderungen auf dem Öster­ reichischen Arbeitsmarkt? In der breiten Öffentlichkeit wird von einem Arbeitskräftemangel gesprochen, da Beschäftigung und offene Stellen gleichzeitig zunehmen, man diagnostiziert eine "Abkoppelung der Ar­ beitslosigkeit" (Butschek, 1990) bzw. eine veränderte konjunkturelle Reagibilität des Arbeitsmarktes (Biffl, 1990) . Die Wirtschaftstheorie hat für das Problem der persistenten Arbeitslo­ sigkeit, das praktisch in allen westeuropäischen Ländern aufgetreten ist, den Begriff Hysterese geprägt. Unter Hysterese versteht man allgemein Wirkungen, die erst (bzw. noch) auftreten, wenn deren Ursache bereits *) Diese Arbeit wurde vom Forschungsförderungsfonds unter dem Projekt 8327 "Unfrei­ willige Gleichgewichtsarbeitslosigkeit" gefördert, M. Pfaffermayr, M. Riese und J. Zweimüller verdanke ich wertvolle Hinweise. 353