BÜCHER DIE GENOSSENSCHAFTS­ THEORIE: UMBRUCH, DURCH­ BRUCH, ABBRUCH? KRITISCHE ÜBERLEGUNGEN ZU EINEM HAND- UND LEHRBUCH Rezension von: J. Laurinkari (Hrsg.), unter Mitarbeit von J. Brazda, Genos­ senschaftswesen. Ein Hand- und Lehrbuch, Oldenbourg-Verlag, Mün­ chen - Wien, XII - 808 Seiten Wir können annehmen, daß die Men­ schen kooperiert haben, seit es sie gibt. Einzeln wären sie wohl von ihren weit kräftigeren Feinden im Tierreich ver­ nichtet worden, abgesehen davon, daß eine regelmäßige Nahrungsbeschaf­ fung ohne wechselseitiges Teilen (um das Jagdglück auszupendeln) unmög­ lich gewesen wäre. Jedoch: Wenn die Menschen überlebten, weil sie koope­ rierten, heißt das noch lange nicht, daß sie kooperierten, um zu überleben. Woher rührt also ihre Kooperationsbe­ reitschaft? Ist sie uns einprogrammiert und wir jagen in Rudeln wie die Wölfe? (Dasein in Herden genügt nicht, die können ja auch kopflos agieren ! ) Ha­ ben wir uns durch das Zusammensein eine Wertschätzung für Kooperation angeeignet? (Altruismus als geneti­ sches Programm ist schwer vorstell­ bar.) Haben wir die Vorteile der Ko­ operation erkannt? (Das wohlverstan­ dene Eigeninteresse setzt allerdings schon Intelligenz voraus.) Jedenfalls läßt sich in den frühen Hochkulturen bereits ein komplexes System von ar­ beitsteiliger Kooperation nachweisen. Die Regeln, nach denen die Zusam­ menarbeit abläuft, können aber sehr verschieden gestaltet sein, sie liefern die Art der Organisation. Naheliegend ist die hierarchische Ordnung, wie sie für den Krieg entwickelt wurde. Aber die gegenseitige Absprache ist genauso naheliegend und weitgehend unpro­ blematisch, solange nur zwei Personen davon betroffen sind (in der Tat kann­ ten schon die Sumerer sehr kompli­ zierte Verträge). Wirken mehrere Per­ sonen zusammen, um ein gemeinsames Ziel zu verwirklichen, tritt eine Kom­ plikation insofern auf, als dies über in­ terdependente zweiseitige Absprachen (die Netzorganisation) im Regelfall zu aufwendig wird. Die Notwendigkeit, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, an die dann alle gebunden sind (auch wenn manche nicht damit einverstan­ den sind), bringt die Konsequenz mit sich, auch dafür eine Regel zu schaf­ fen, die zwangsläufig auch festlegen muß, wovon der Einfluß jedes einzel­ nen auf diese Entscheidung abhängt, welches Gewicht seiner Stimme in der kollektiven Entscheidungsfindung zu­ kommt. Nur wenn diese Regel akzep­ tiert wird, kommt Kooperation auf freiwilliger Basis zustande. Es liegt auf der Hand, daß diese Re­ gel dem einzelnen garantieren muß, nicht weniger Einfluß zu haben als an­ dere, womit wir beim Problem Gleich­ heit angelangt sind und bei der Suche nach einem Kriterium, einer Maßzahl für Gleichheit. Dafür bietet sich ir­ gend eine Orientierung an dem an, was der einzelne zum Gelingen beiträgt - etwa das Kapital, das er beisteuert - oder welches Risiko er im Fall des Mißlingens übernimmt (damit kann z. B. der fehlende Einfluß des Kom­ manditisten erklärt werden). Spielen Kapitaleinsatz und Haftung eine nur untergeordnete Rolle, können Wissen und Erfahrung oder Arbeitsleistung herangezogen werden. Und wo all das 397