mehr als das, gab es doch auch bürger­ liche, mittelständische Genossen­ schaften. Von einer ausgefeilten Ge­ nossenschaftstheorie kann im 19 . Jahrhundert keine Rede sein, enthu­ siastische Bilder beflügelten die Pra­ xis, die denn auch neben großen Erfol­ gen (die Gründungen Raiffeisens und Schulze-Delitzschs, die Konsumver­ einsbewegung) ein arges Scheitern in Teilbereichen (Niedergang der Pro­ duktivgenossenschaften) aufweist. Als um die Jahrhundertwende die Versuche einer wissenschaftlichen Analyse einsetzten, ging es zunächst einmal darum, durch Bildung von Ka­ tegorien Ordnung in die ungeheure Vielfalt der Genossenschaften zu brin­ gen, Gemeinsamkeiten und Unter­ schiede klarzustellen und die Grund­ prinzipien herauszuarbeiten. Die noch heute gebräuchliche Unterteilung in Agrar-, Konsum-, Kredit-, gewerbli­ che Produzenten- und Produktivge­ nossenschaften geht auf die damaligen Autoren wie Jacob und Tugan-Bara­ nowsi zurück. Vereinfacht dargestellt, ging es im besten Fall darum, wie Ge­ nossenschaften funktionieren, und nicht darum, warum sie so funktionie­ ren und nicht anders. Das gilt auch für das von Webb damals festgestellte "Degenerieren" der Produktivgenos­ senschaften (Oppenheimer sprach von Transformation), denn der bloße Au­ genschein trog (wie z. B. J ones in den siebziger Jahren für Großbritannien nachwies, waren Zusammenbrüche nicht häufiger als jene von Kleinunter­ nehmungen generell, was sich nach Hettlage auch in anderen Ländern zeigt) . Provokant formuliert war die Ge­ nossenschaftsbewegung in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts unbe­ schadet zahlreicher Publikationen ei­ ne theorielose Praxis. Sie war es schon einmal deshalb, weil sie keine eigen­ ständige Strategie entwickelte, son­ dern einfach kapitalistische Strategi­ en adaptierte und übernahm (man denke nur an die Rationalisierungs­ welle im Deutschland der Weimarer Republik) . Sie war es auch deshalb, weil sie Erfolge wie Mißerfolge auf die menschliche Komponente zurückführ­ te und nicht nach systembedingten Ursachen suchte (etwa beim abneh­ menden Engagement ehrenamtlicher Funktionäre oder der nachlassenden Beteiligung an basisdemokratischen Entscheidungsprozessen). Sie war es schließlich deshalb, weil sie Verände­ rungen der Rahmenbedingungen, die auf sie zurückwirkten, ganz pragma­ tisch hinnahm und sich anbahnende Wandlungen nicht registrierte, ge­ schweige denn analysierte (wie etwa die Integration der Wohnbaugenossen­ schaften in die staatliche Wohnbaupo­ litik oder die Umfunktionierung der Agrargenossenschaften in ein wirt­ schafts- und sozialpolitisches Instru­ ment). Erst nach dem Ende des 2. Welt­ kriegs entwickelte sich, dann aber ganz rapid, eine Genossenschaftstheo­ rie von hoher wissenschaftlicher Qua­ lität. Ein wichtiger Anstoß kam von der Wirtschaftstheorie, die sich mit dem Phänomen der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung (Wards "il­ lyrische Firma") auseinandersetzte und letztlich nach der Effizienz der Produktivgenossenschaft fragte. Wei­ tere Anstöße lieferten die Theorie kol­ lektiven Verhaltens, die Analyse stra­ tegischen Verhaltens bis hin zur Spiel­ theorie, die Verhandlungstheorie, die Theorie der kollektiven Entscheidun­ gen usw. Nicht zuletzt mußte auch die Analyse der nicht-gewinnorientierten Unternehmungen, zu denen grund­ sätzlich auch die Genossenschaften (neben Wohltätigkeitsvereinen, Selbsthilfegruppen, Klubs etc.) zäh­ len, zu neuen Gesichtspunkten, neuen Fragestellungen führen. Unabhängig davon versuchten Ge­ nossenschaftstheoretiker, unter Beibe­ haltung ihrer traditionellen Sichtwei­ se von der bloß oberflächlich-formalen Betrachtung loszukommen und Ansät­ ze für eine vertiefte Analyse zu gewin­ nen. Der Durchbruch gelang in den fünfziger Jahren, zwei seither fortent- 399